Ruhe und Ordnung

Von Kurt Tucholsky, 1925


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Wenn Millionen arbeiten, ohne zu leben,
wenn Mütter den Kindern nur Milchwasser geben —
     das ist Ordnung.
Wenn Werkleute rufen: «Laßt uns ans Licht!
Wer Arbeit stiehlt, der muß vors Gericht!»
     Das ist Unordnung.

Wenn Tuberkulöse zur Drehbank rennen,
wenn dreizehn in einer Stube pennen —
     das ist Ordnung.
Wenn einer ausbricht mit Gebrüll,
weil er sein Alter sichern will —
     das ist Unordnung.

Wenn reiche Erben im schweizer Schnee
jubeln — und sommers am Comer See —
     dann herrscht Ruhe.
Wenn Gefahr besteht, daß sich Dinge wandeln,
wenn verboten wird, mit dem Boden zu handeln —
     dann herrscht Unordnung.

Die Hauptsache ist: Nicht auf Hungernde hören.
Die Hauptsache ist: Nicht das Straßenbild stören.
     Nur nicht schrein.
          Mit der Zeit wird das schon.
     Alles bringt euch die Evolution.
So hats euer Volksvertreter entdeckt.
     Seid ihr bis dahin alle verreckt?
So wird man auf euern Gräbern doch lesen:
     sie sind immer ruhig und ordentlich gewesen.

Zuerst erschienen in:
Die Weltbühne, 13.01.1925, Nr. 2, S. 68
unter dem Pseudonym Theobald Tiger