In welcher Gegenwart wollen wir leben?

Communiqué vom 09.04.2007

Im Juli 2006 besetzten die Strassenpunx den Wagenplatz „Ponyhof“ im Industriegebiet Nord. Dort wurden sie am 1. August von der Polizei auf Anordnung der Stadt geräumt und enteignet. Auf einem der zerstörten Wohnwagen stand: „Mais qu’est-ce qu’on vous a fait? — Aber was haben wir euch getan?“ Es folgten Monate voller Schikanierung durch die Polizei, Unbekannte stachen die Punx mitten in der Innenstadt ab und die Stadt drangsalierte sie mit Innenstadtverboten.

Im Winter besetzten die Strassenpunx den Alten Schießplatz neben der Neuen Messe. Dieser wurde am 15. Februar geräumt, wieder wurden Wägen beschlagnahmt und teilweise zerstört. Danach tauchten die Punx vorerst unter. Am 26. März entdeckte die Polizei eine kleine Wagenburg auf einem Brachgelände an der Munzingerstraße: Den Wagenplatz „Babylon“. Dort wollten die Straßenpunx nach all der Repression durchatmen, doch die Atempause währte nicht lange.

Schon am 27. März sperrte eine Hundertschaft der Bereitschaftspolizei mit schwerem Gerät sowie eine kasernierte Sondereinheit das Areal ab, um vier Strassenpunx zu räumen und ihre Wohnwägen von der mittlerweile als qualifiziert zu bezeichnenden Firma Bauer abschleppen zu lassen. Bei der Räumung und Beschlagnahmung der Fahrzeuge wurden diese mutwillig beschädigt, die anwesenden Personen beleidigt und empörte SympathisantInnen abgedrängt.

Am Abend gab es eine lautstarke Demonstration in der Innenstadt, die mit der Errichtung eines Zeltdorfes auf dem Platz der Alten Synagoge endete. Hier wollten die Strassenpunx vorerst bleiben, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen, doch schon am nächsten Morgen begannen aufs Neue die Schikanen der Polizei. Im Laufe des Tages wurden zahlreiche Personen kontrolliert, der Platz überwacht und das Aufstellen von Zelten verboten. Am frühen Abend beschlagnahmte die Polizei die Matratzen und der neue Polizeichef des Reviers Nord, Harry Hochuli, drohte: „Wer nächtigt, kommt in Polizeigewahrsam“. Aus einem Streifenwagen wurde den Straßenpunx zugerufen: „Viel Spaß beim Unter-der-Brücke-schlafen!“

Zwei Tage später verbot die Stadt die Mahnwache, die Strassenpunx zogen am Abend des 2. April tatsächlich unter die Leo-Wohleb-Brücke und wurden am nächsten Morgen eben dort von der Polizei geräumt. Am 4. April entdeckte die Polizei die Besetzung des Hauses im Laubenweg 1 in Haslach. Eine Räumungsverfügung erging für den Morgen des 5. April, die Polizei traf jedoch nur eine Person an.

Seit Jahren sind die Straßenpunx andauernden Angriffen, Räumungen und Schikanen ausgesetzt. Am 16. Dezember 2006 demonstrierten in Freiburg 150 Menschen gegen diese Repression. Die Demonstration wurde von der Polizei brutal angegriffen, mehrere Demonstranten wurden grundlos von Polizisten geschlagen. Im Januar wurden zwei Personen von der Polizei schwer zusammengetreten, da sie der Autonomen Szene zugerechnet wurden.

Bisher haben sich weder Stadt noch Polizei für ihre Gewalt verantwortet und die Ermittlungsverfahren gegen die Polizei wegen unterlassener Hilfeleistung und der Übergriffe auf das DIY-Festival im Juli, Diebstahl und Sachbeschädigungen bei der Räumung des „Ponyhofs“ im August sowie Körperverletzungen auf der Demonstration im Dezember werden verschleppt. Derweil erpresst die Justiz bei den absurdesten Prozessen Einstellungen gegen Geldauflagen und überzieht die linke Szene ansonsten mit teuren Verurteilungen. Mittlerweile gehen Leute wegen Nichtigkeiten ins Gefängnis, weil sie ihre Geldstrafen nicht zahlen können.

Wir erleben den Polizeistaat auf Freiburgs Straßen und die Klassenjustiz in seinem Amtsgericht. Für uns ist die Polizeigewalt keine Randnotiz in der Badischen Zeitung und die soziale Verelendung keine Statistik in der Tagesschau. Doch die Menschen in Freiburg verschließen weitestgehend ihre Augen vor der bitteren Realität und nehmen die unmenschliche Politik stillschweigend hin. Die meisten können sich die horrenden Mieten in Freiburg leisten, auch wenn immer weniger Geld zum Leben übrig bleibt. Die wenigsten müssen mit einer Zwangsräumung rechnen, auch wenn sie die Polizei ansonsten nicht mögen. „Jusqu’ici, tout va bien — bis jetzt ging alles gut...“

Autonome Antifa Freiburg