Liebe Leute,

wir stehen heute vor dem Haus des ehemaligen SS-Mannes Herbert Göhler in der Julius-Brecht-Straße 29. Heute ist der 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. An diesem Tag wollen wir vor seinem Haus einen Täter benennen und seiner Opfer gedenken.

Bis heute leben SS-Täter unter uns. Bis heute sind sie akzeptierte Mitglieder einer Gesellschaft, die sie selbst geprägt haben. Bis heute weigert sich die Gesellschaft, diese noch lebenden SS-Männer zu ächten.

Die Nazis haben nicht nur sechs Millionen Jüdinnen und Juden ermordet. Sie haben nicht nur Synagogen und jüdischen Häuser niedergebrannt. Tatsächlich haben sie die jüdische Kultur in Deutschland weitestgehend zerstört.

Selbst aus dem Alphabet wurde die Spuren jüdischen Lebens getilgt. Wir sprechen heute von D wie Dora, I wie Ida, N wie Nordpol, S wie Siegfried und Z wie Zeppelin. Wer erinnert sich noch an David, Isidor, Nathan, Samuel oder Zacharias?

Roma und Sinti wurden zu Hunderttausenden von den Nazis ermordet. Hier in Freiburg erzählen Sinti, dass sie auch nach dem Krieg von Polizisten belästigt wurden. Von den gleichen Polizeibeamten, die sie schon unter den Nazis verfolgt hatten.

Homosexuelle wurden damals wegen ihrer Sexualität ermordet und nach dem Krieg weiter verfolgt. Ähnlich ging es Menschen mit Behinderung, von denen zehntausende von den Nazis ermordet wurden. Noch heute darf der NS-Propagandafilm „Ich klage an“ aus Angst vor Sympathiebekundungen nicht öffentlich gezeigt werden.

Auch die Linke war erklärtes Ziel der Nazis und das nicht erst seit 1933. Hunderttausende KommunistInnen, AnarchistInnen und SozialdemokratInnen wurden ermordet oder mussten fliehen. Fast alle von uns dürften Nazis in ihrer Verwandschaft haben, aber wer von uns hat eine rote Großmutter?

Der Antikommunismus der Nazis war wesentlich für die deutsche Nachkriegspolitik. Er war die zentrale Motivation nach 1945, die Nazis in ihren alten Ämtern mit neuen Würden zu etablieren. Die „Entnazifizierung“ ist genau so ein Mythos wie die „Stunde Null“.

Doch auch 70 Jahre nach Ende des Krieges wollen viele die Täter nicht namentlich nennen und kennen. Wir mussten uns bei der Vorbereitung dieser Kundgebung oft anhören, dass der Mann doch alt sei und seine Taten schon so lange her. Genau darum sind wir hier!

Weil Herbert Göhler bisher unbescholten in Haslach lebt. Weil die Opfer der SS heute nicht hier sein können. Weil die Nazis es nicht geschafft haben, die Erinnerung an die von ihnen ermordeten Menschen auszulöschen.


Communiqué und Fotos