Die KTS, Freiburgs Autonomes Zentrum, befindet sich seit 1999 in einem Gebäude der Deutschen Bahn auf dem Gelände des Bahnbetriebswerks in der Basler Straße 103. Die Basler Straße hieß bis 1945 Wilhelm-Gustloff-Straße, benannt nach dem 1936 von dem Juden David Frankfurter in Davos erschossenen Auslandschef der NSDAP in der Schweiz und wurde am 13. Juni 1945 von den französischen Behörden per Dekret umbenannt. Im Bahnbetriebswerk arbeiteten mindestens 159 Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen und 60 Kriegsgefangene unter härtesten Bedingungen. Die meisten von ihnen waren sowjetische Kriegsgefangene oder „Ostarbeiter“ aus der Ukraine und Russland, also Männer und Frauen, die von den Nazis versklavt und ins „Reich“ zur Zwangsarbeit deportiert wurden.

Den größten Teil der Informationen in diesem Text konnten wir den Akten der Sammlung M2-429 des Freiburger Stadtarchivs entnehmen, die auch von Bernd Spitzmüller für das Buch „Aber das Leben war unvorstellbar schwer. Die Geschichte der Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen in Freiburg während des Zweiten Weltkriegs“ ausgewertet wurden.

„Russenlager Adolf-Hitler-Str. 28“

Neben dem „Reichsbahnbetriebswerkslager“ auf dem zur Zeit neu entstehenden Quartier Gutleutmatten und im „Obergeschoß der Wagenreparaturhalle“ im Bahnbetriebswerk, waren die meisten ZwangsarbeiterInnen des Bahnbetriebswerks im „Ostarbeiterlager“ in der Adolf-Hitler-Allee 28-32 zwischen der heutigen Habsburgerstraße, Sautierstraße und dem Rennweg untergebracht. Das städtische Quartiersamt erließ am 18. Juli 1942 einen Geheimbeschluss zur „Beschaffung von Unterkunft für ausländische Arbeiter, insbesondere auf Grund des Reichsleistungsgesetzes“: „Unter Bezugnahme auf unseren Bericht vom 25. Juni 1942 teilen wir mit, daß unterdessen Räume im Werk II der Firma Mez A.G. (ehem. Krumeich’sche Anwesen Adolf-Hitlerstraße) als Gemeinschaftsunterkunft für die in den hiesigen Industriebetrieben eingesetzen Ostarbeiter in Benützung genommen worden ist. Die Einrichtung des Lagers ist von der Deutschen Arbeitsfront, Kreiswaltung Freiburg in Angriff genommen.“ Die Firma Zeh, die 10 Menschen aus dem „Ostarbeiterlager“ ausbeutete, wirbt noch heute mit dem Slogan: „Qualität aus Tradition seit 1878“.

Im „Ostarbeiterlager“ litten insgesamt etwa 1.500 Menschen hinter Stacheldraht unter Krankheiten, Hunger, Kälte und katastrophalen hygienischen Zuständen. Obermedizinalrat Dr. Pfunder vom staatlichen Gesundheitsamt stellt in einem Gutachten vom 4. August 1942 fest, dass es einen Bedarf gebe an „Waschgelegenheiten, da die vorhandene Möglichkeit ganz ungenügend ist und die meisten Leute sich überhaupt nicht waschen können, es sei denn im vorbeifließenden Kanal“. Außerdem gäbe es einen Bedarf an „Abortanlagen, da nur 2 oder 3 Aborte vorhanden sind, findet notgedrungen jede Nacht eine unbeschreibliche Verunreinigung der Umgebung und sogar des Hauses selbst statt, die zu den größten gesundheitlichen Bedenken Anlaß gibt. Solange die Spülaborte nicht fertig gestellt sind, schlage ich den sofortigen Bau einer behelfsmäßigen Latrine vor und die Ausgabe entsprechender Menge von Chlorkalk zur Bekämpfung von Ungeziefer und Geruch.“

Die „Ostarbeiter“ wurden unter unhaltbaren Bedingungen eingepfercht, so dass sich Krankheiten und Ungeziefer ausbreiteten: „Es ist, wenn eine Wiederverlausung der Leute und die unerträgliche Ausbreitung der jetzt schon zahlreich vorhandenen Flöhe vermieden werden soll, auch nötig, daß jeder Mann und jede Frau zwei Garnituren Wäsche besitzt. Die meisten Leute besitzen nur ein Hemd, das meist noch zerrissen ist, und konnten sich bisher nie umziehen. Ein Umstand, der die beste Brutstätte für Läuse schafft und dann das Auftreten der Hautkrankheiten begünstigt. Es fehlen noch immer Decken, so daß die Kleider nicht abgelegt werden, eine weitere Begünstigung der Läuseplage.“

Burschenschafter, Rasseideologen und SS-Schergen

Die Bedingungen, unter denen die ZwangsarbeiterInnen in Freiburg geknechtet wurden, waren keineswegs regionale Auswüchse. Das „System Zwangsarbeit“ war integraler Bestandteil der deutschen Kriegswirtschaft und wurde mit bürokratische Kälte durchgesetzt. Am 10. Februar 1944 erließ der „Leiter Reichssicherheitshauptamt“, Ernst Kaltenbrunner, im Namen des „Reichsführer SS“, Heinrich Himmler, einen Geheimbefehl „an alle Höheren SS- und Polizeiführer im Reichsgebiet“ zur „Ahndung schwerwiegender Verstösse und unerlaubten Geschlechtsverkehrs fremdvölkischer Arbeitskräfte aus dem Osten und Südosten sowie polnischer, serbischer und sowjetrussischer Kriegsgefangener“. Kaltenbrunner begründet den Befehl mit Gefahrenabwehr: „Die Gefahren, die durch den immer grösser werdenden Einsatzes ausländischer Arbeiter für die deutsche Heimat entstehen, können nur abgewendet werden, wenn gegen alle schwerwiegenden Verstösse rücksichtslos vorgegangen wird.“

Neben „Sicherheit und Ordnung“ wird auch die Durchsetzung der rassistischen NS-Ideologie als Ziel deklariert: „Als schwerwiegende Verstösse sind vor allem Sabotagehandlungen, Gewalt- und Sittlichkeitsverbrechen sowie Geschlechtsverkehr mit deutschen Frauen und Mädchen anzusehen. Bei Geschlechtsverkehrsfällen ist eine gründliche Bearbeitung erforderlich, weil dabei auch gegen deutsche Frauen schwerwiegende Maßnahmen getroffen werden.“ Wie üblich standen die SowjetbürgerInnen ganz unten in der NS-Hierarchie: „Bei polnischen und serbischen Kriegsgefangenen werden nur Geschlechtsverkehrsfälle durch die Sicherheitspolizei verfolgt, sonstige Straftaten durch die Wehrmacht. Dagegen werden bei sowjetrussischen Kriegsgefangenen neben Geschlechtsverkehrsfällen auch Gewaltakte, die sie während der Kriegsgefangenschaft begangen haben, durch staatspolizeiliche Maßnahmen geahndet.“

Der Befehl belegt wortwörtlich, dass die These, der Rechtsstaat habe weiter existiert, wenn die Gesetze auch zum Teil verbrecherisch waren, nicht haltbar ist: „Eine Abgabe an die Justiz findet grundsätzlich nicht statt. An sie sind nur die Fälle weiterzuleiten, in denen aus stimmungspolitischen Gründen eine gerichtliche Aburteilung wünschenswert erscheint und durch vorherige Fühlungsnahme sichergestellt ist, dass das Gericht die Todesstrafe verhängen wird.“ Der Mordbefehl wurde mit dem Euphemismus „Sonderbehandlung“ kaschiert, war aber unmissverständlich: „Bei Gewaltverbrechen, Sabotageakten und Sittlichkeitsverbrechen ist sofort durch Schnellbrief oder FS. beim RSHA. ein Antrag auf Sonderbehandlung zu stellen.“ Auch am Zweck der martialischen Strafen ließ Kaltenbrunner keinen Zweifel: „Die Durchführung der Sonderbehandlung bezweckt vor allem eine Abschreckung der im Reichsgebiet eingesetzten fremdvölkischen Arbeitskräfte. Diese wird jedoch im vollen Umfange nur erreicht, wenn die Sühne der Tat möglichst auf dem Fusse folgt. Die Ermittlungsvorgänge sind daher als Sofortsachen zu bearbeiten.“

Ernst Kaltenbrunner war Mitglied der „Burschenschaft Arminia Graz“ in der „Deutschen Burschenschaft“, sein Vorgesetzer Heinrich Himmler Mitglied der „Schwarzen Verbindung Apollo München“, die in der heutigen „Burschenschaft Franco-Bavaria München“ aufgegangen ist.

Zwangsarbeit bei der Reichsbahn in Freiburg

Im Jahresheft 2008 des Breisgau-Geschichtsvereins „Schau-ins-Land“ berichtet Ulrich P. Ecker unter der Überschrift „Zwangsarbeit in Freiburg während des Zweiten Weltkriegs“ über Anna Djatschenko, die im „Ostarbeiterlager“ gefangen war und „täglich unter Bewachung ins Eisenbahnbetriebswerk marschieren \[musste\], um dort Waggons und Lokomotiven zu reinigen, d.h. auch die Feuerung der Dampflokomotiven auszuräumen, Rußfänger zu putzen und Schlacken herauszuschlagen. Als sie sich mangels Strümpfen im Winter die bloßen Füße in den Holzschuhen mit Lappen umwickelten, wurde das von den Vorarbeitern verboten. Sie durften sich auch nicht an den großen Koksöfen der Halle aufwärmen und nach der Arbeit gab es zum Waschen nur kaltes Wasser. Heimlich benutzten die Frauen das noch warme Kesselwasser der Lokomotiven. Ihr Bruttolohn von 42 Reichsmark pro Monat wurde für Unterkunft und Verpflegung einbehalten. Es gibt eine ganze Reihe von Aussagen ehemaliger Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen, welche die Reichsbahn als besonders ausbeuterischen Dienstherrn schildern.“ Heute befindet sich eine der modernsten Zugwaschanlagen Europas auf dem Bahnbetriebsgelände.

Bis zum Luftangriff am 27.11.1944, der neben weiten Teilen der Innenstadt und der Industrieanlagen im nördlichen Teil Freiburgs auch das Bahnbetriebswerk in der Basler Straße schwer beschädigte, waren neben ZwangsarbeiterInnen auch Kriegsgefangene auf dem Bahngelände untergebracht und mussten dort arbeiten. Das „Kriegsgefangenenkommando 2502 a und b Freiburg“ war für den „Einsatz für die deutsche Reichsbahn, Reichsbahnbetriebswerk und Bahnmeisterei Freiburg, für Bahnbauarbeiten und für die Fahrbereitschaft Freiburg zur Beschleunigung des Güterumschlags“ vorgesehen und bestand 1942 aus 60 russischen Kriegsgefangenen.

1943 schrieb der „Bevollmächtigte für den Nahverkehr“ an die Reichsbahndirektion Karlsruhe: „Die Unterbringung dieses Ladekommandos innerhalb des Stadtbereichs, z.B. in leerstehenden Geschäftsräumen oder Gastwirtssälen u. dergl, kann nicht in Erwägung gezogen werden, da unter allen Umständen die abwehrmäßigen Vorschriften zu beachten sind. Andererseits muß darauf geachtet werden, daß das Kommando möglichst in Bahnnähe untergebracht ist, damit für den jeweiligen Arbeitseinsatz Transportwege möglichst vermieden werden.“ Die grausamen Bedingungen, unter denen die Kriegsgefangenen zu leiden hatten, lassen sich in der brutalen Sprache der bürokratischen Sklavenhalter nur erahnen.

Russische Gefangene aus Freiburg wurden „einige Tage vor der Besetzung von der Wehrmacht mit unbekanntem Ziel abtransportiert“, zumeist Richtung Schweiz. Andere wurden laut Dokumenten der städtischen Hauptverwaltung noch kurz vor der deutschen Kapitulation erschossen und laut städtischem Gartenamt „an der Nordmauer des hiesigen Hauptfriedhofes“ anonym begraben.

Für eine antifaschistische Zukunft

Wir möchten mit diesem Text auf das Leid aufmerksam machen, das Menschen auf dem Gelände zugefügt würde, auf dem sich heute die KTS befindet. Wir sind uns unserer historischen Verantwortung bewusst und wollen einen Teil zur Erinnerung an die Naziverbrechen beitragen und die Mahnung der KZ-Überlebenden aufrecht erhalten:

Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!

Autonome Antifa Freiburg


Am 15. März findet eine Veranstaltung zum Thema „Zwangsarbeit“ in der KTS Freiburg statt. Um 19 Uhr serviert die VoKüFa leckeres Essen und um 20 Uhr folgen zwei Vorträge mit anschließender Diskussion.

Dr. Susanne Kill ist Leiterin des Unternehmensarchivs der Deutschen Bahn AG und hat unter anderem verschiedene Ausstellungen zur Rolle der Deutschen Reichsbahn im Nationalsozialismus kuratiert. Die Deutsche Reichsbahn war in zweierlei Hinsicht an dem System der Zwangsarbeit des nationalsozialistischen Deutschlands beteiligt. Mit ihrer Hilfe wurden ZwangsarbeiterInnen aus Europa nach Deutschland verschleppt und viele der Verschleppten wurden zur Arbeit auch bei der Reichsbahn gezwungen. Susanne Kill referiert über das System der Zwangsarbeit bei der Reichsbahn im Nationalsozialismus.

Dr. Bernd Spitzmüller ist Historiker und Autor des Buchs „Aber das Leben war unvorstellbar schwer. Die Geschichte der Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen in Freiburg während des Zweiten Weltkriegs“ zusammen mit Ulrich P. Eckert, Verlag Stadtarchiv, Freiburg, 2004. Bernd Spitzmüller referiert über den Einsatz ausländischer ZwangsarbeiterInnen und Kriegsgefangener in Freiburg von 1939 bis 1945.


Communiqué mit Bildmaterial auf Indymedia linksunten