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Deutsche und französische Neonazis arbeiten in der baden-württembergischen Ortenau Hand in Hand. Rassistische Gewalt gehört zur Kameradschaft dazu.

Im November 2006 wurde im badischen Lahr ein Mann von einer Gruppe Neonazis zusammengeschlagen. Der Fall erregte bundesweites Aufsehen, denn zum einen war die Gegend bis dato nicht als eine Hochburg der Nazis bekannt. Zum anderen wurden sowohl französische als auch deutsche Neonazis als Verdächtige verhaftet. Im Zuge des Gerichtsprozesses geriet die grenzüberschreitende Zusammenarbeit organisierter Neonazis in den Blick der Öffentlichkeit. Gegenteilige Behauptungen des baden-württembergischen Verfassungsschutzes und des Landeskriminalamtes in Stuttgart sind nicht länger haltbar.

Grenzüberschreitend: NPD & FN

In dem Ort Lahr wurde der 2005 für einige Monate bestehende Neonaziladen „Trendsetter“ zum Treffpunkt der Neonazigruppe „Stosstrupp Baden“ um den 25jährigen Maler Thomas Reymann, der auf dem Arm ein Tattoo „Terrormachine Combat 18“ trägt. Reymann ist seit 2001 Mitglied der NPD und mietete dieselben Räumlichkeiten nach der Schließung des Ladengeschäfts zusammen mit Benjamin Carstensen und Andreas Scholtis an.

Durch den „Trendsetter“ bekamen die Lahrer Neonazis Kontakt zu den „Jungen Volksdeutschen Elsass-Lothringen“ (JVEL) um den 27jährigen Metzger Romain Saint-Luc aus Strasbourg, der seit 2001 der deutschen NPD und seit 2005 dem französischen „Front National“ (FN) angehört. Im August 2005 hielt Saint-Luc eine Rede bei der Sommeruniversität des „Front National de la Jeunesse“, der FN-Jugendorganisation. In Neuvy-sur-Barangeon traf er zusammen mit der sächsischen NPD-Landtagsdelegation um Jürgen Gansel den FN-Vorsitzenden Jean-Marie Le Pen. 2007 kandidierte Saint-Luc in Clermond-Ferrand für den FN bei den Wahlen zur Nationalversammlung.

Deutsche Helden

Bei Rheinau in der Ortenau hielt im November 2006 Romain Saint-Luc vor 100 Neonazis eine Rede an der Gedenkstätte „Panzergraben“. Diese Aktion am Volkstrauertag, an dem auch Neonazis aus Rastatt und Karlsruhe teilnahmen, war der größte Aufmarsch in der 30jährigen Geschichte der „Heldenverehrung“ für die in den letzten Kriegstagen getöteten 27 Wehrmachtssoldaten. In Rheinau war auch der NPD-Landtagsabgeordnete Stefan Köster aus Mecklenburg-Vorpommern dabei, der anschließend zum baden-württembergischen NPD-Landesparteitag nach Villingen-Schweningen fuhr. Im Wohnort des NPD-Landesvorsitzenden Jürgen Schützinger hielt Köster im „Gasthof zur Bertholdshöhe“ vor 61 Delegierten der Partei eine Rede über die lokale Verankerung der NPD in Ostdeutschland.

Rassistische Schläger

Am 25. November 2006 fuhr Saint-Luc mit François Trauth und Erik Heidmann zu einer vom Landesvorsitzenden der „Jungen Nationaldemokraten“ (JN) Lars Gold und vom JN- und NPD-Landesgeschäftsführer Alexander Neidlein geleiteten Demonstration nach Ellwangen. Neidlein wohnt im 2004 von Andreas Thierry ersteigerten „Goldenen Kreuz“ in Rosenberg-Hohenberg bei Ellwangen und führt dort seit April 2007 die NPD-Landesgeschäftsstelle. Thierry ist Mitglied der „Gesellschaft für freie Publizistik“ und stellvertretender NPD-Landesvorsitzender. Im Mai 2007 wurde ein Teil des „Goldenen Kreuzes“ durch einen Brand zerstört.

Nach dem Aufmarsch in Ellwangen fuhren die drei elsässischen Nazis nach Lahr und betranken sich in einer Kneipe mit Thomas Reymann, Benjamin Carstensen, Miriam Uhri, Florian Muller, Jerome Lehmann, Denis Kalk, Vincent Grathwohl und Yohann Dumay. Sie sangen Nazilieder, riefen „Sieg Heil“, zeigten den „Hitlergruß“ und fotografierten sich dabei. Die Bilder fielen der Polizei später in die Hände.

Gegen zwei Uhr verließ die Gruppe das Lokal. Auf der Straße beschimpften und schubsten sie einen tunesischstämmigen Deutschen. Der Mann floh vor den betrunkenen Neonazis, wurde aber von Muller mit einem Stuhl niedergeschlagen. Die Neonazis traten mehrere Minuten auf den am Boden liegenden Mann ein. Erst nachdem ein Anwohner zum wiederholten Mal drohte, die Polizei zu rufen, hörten sie auf. Ihr Opfer war längst bewusstlos.

Rechts-Anwalt

Alle beteiligten Neonazis machten umfangreiche Aussagen und belasteten sich gegenseitig. Saint-Luc wurde von Klaus Harsch verteidigt, einem Rechtsanwalt aus Rastatt, zu dessen Mandanten mehrere Neonazis gehören. Harsch ist aktives Mitglied im „Europapolitischen Arbeitskreis der CDU“ und aktiv im „Kulturwerk für Südtirol“ sowie einer „Josef-Saier-Stiftung“ aus Baden-Baden. Bemerkenswert ist eine persönliche Mitteilung im geschlossenen Forum des „Aktionsbüros Rhein-Neckar“, die durch einen antifaschistischen Hack am 2005 öffentlich wurde. „Nicole“ aus dem Karlsruher Umland bittet darin „Matthias“ aus Ludwigshafen nicht an die „große Glocke“ zu hängen, dass die Kanzlei, in der sie arbeitet, für Neonazis auch ohne Honorar arbeite. Nicole gibt als Homepage das „Deutsche Rechtsbüro“ an, welches die Kanzlei von Harsch und Markus Merklinger empfiehlt.

Saint-Luc, Dumay und Trauth wurden wegen gemeinschaftlicher schwerer Körperverletzung zu acht Monaten Haft und Haidmann zu sieben Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Muller erschien nicht zum Prozess, gegen ihn erging ein Haftbefehl. Bei Dumay handelt es sich um einen Seargent der französischen Fallschirmspringer in Illkirch, der sich nun zusätzlich vor einem Militärgericht verantworten muss. Der als Zeuge geladene Polizeibeamte des Staatsschutzes brachte die Verharmlosungspolitik auf den Punkt: „Wenn in Deutschland das Bier nicht so billig wäre, dann wäre die Tat nie geschehen.“


Der Artikel erschien in Der Rechte Rand, Nummer 109, November/Dezember 2007. Ein weiterer Artikel desselben Autors erschien am 30.03.2005 unter dem Titel „Breites Bündnis gegen Neonazizentrum“ in der Tageszeitung junge Welt. Nicola Pantera ist erreichbar unter nicola at riseup dot net, OpenPGP: 0x3947A412.

20.11.2007 - Druckversion dieses Artikels Druckversion