Indymedia linksunten: Presse 2008

don’t hate the media, become the media

09.05.2008 Neues Deutschland: Spaltung auf Schwäbisch
20.05.2008tageszeitung: Zoff bei Indymedia
03.06.2008junge Welt: »Wir wollen ein lebendiges Netzwerk bilden«
11.09.2008Jungle World: »Mir schwätze halt so«
31.10.2008Stattzeitung: Regional statt national
07.01.2009Badische Zeitung: Ein Medien-Ableger kommt von links unten

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Außer Parlamentarisches

Spaltung auf Schwäbisch

Für Südwestdeutschland soll ein eigenständiges Indymedia entstehen

Von Lorenz Matzat

In zwei Wochen soll in Freiburg das erste regionale unabhängige Medienzentrum gegründet werden. Umstritten ist, ob es sich um eine Abspaltung vom bestehenden Online-Nachrichtenportal Indymedia oder um einen selbstverständlichen Akt der Dezentralisierung handelt.

»Mir wollet en Prozess z’r Gründong vo a neue IMC em Südweschde bginne.« Selbst ins Schwäbische haben die Aktivisten ihren Aufruf übersetzt — neben Sprachen wie Englisch, Spanisch, Türkisch und Schweizerdeutsch. Ein gewisser Enthusiasmus scheint dem Vorhaben also innezuwohnen, ein regionales unabhängiges Mediencenter (IMC) für Südwestdeutschland aufzubauen. Vom 23. bis 25. Mai will man sich dafür »linksunten« auf der Landkarte in Freiburg treffen.

Seit dem WTO-Gipfel 1999 in Seattle, als das erste IMC online ging, sind weltweit fast 180 nationale und regionale Nachrichtenportale dieser Art im Internet zu finden, vornehmlich in Nordamerika und Europa. In einer Selbstdarstellung des internationalen Verbundes heißt es, man wolle ein »kollektives Netzwerk von direkt veröffentlichten Nachrichten« sein, »die radikal und unzensiert die Wahrheit wiedergeben«. Während beispielsweise in den USA rund 60 regionale IMC tätig sind, gibt es in Deutschland seit 2001 nur eines.

Der Vorbereitungskreis des Freiburger Treffens beschreibt die geplante Gründung von linksunten.indymedia.org als »Bildung eines weiteren Knotenpunkts innerhalb des Netzwerkes«. »In unseren Augen war und ist Indymedia schon immer ein globales Netzwerk an unabhängigen Medienzentren, dessen Organisationsphilosophie auf Dezentralisierung, Autonomie und Solidarität beruht«, heißt es von dieser Seite. Im deutschlandweiten Indymedia gingen »lokale Ereignisse häufig in der Flut an Informationen unter«. So handele es sich bei der »Dezentralisierung« nicht um eine »Schwächung oder Spaltung«, sondern um eine Verdichtung des Netzwerks.

Zuvor hatte es allerdings Streit gegeben. Das Freiburger Moderationskollektiv war im Frühjahr aus dem bundesweiten Zusammenhang ausgeschlossen worden. Die Betreuung der Indymedia-Website geschieht durch mehrere Kollektive, die reihum die eingehenden Beiträge, die jeder Besucher der Website anonym erstellen kann, moderieren. Sie entscheiden beispielsweise, ob ein Artikel auf der Startseite des Internetportals erscheint oder welche Kommentare unter Beiträgen als irrelevant markiert werden.

Der Ausschluss der Freiburger Gruppe findet zwar Erwähnung im Gründungsaufruf, wird aber nicht weiter erläutert. Zentraler Streitpunkt war wohl der Schutz des bundesweiten Indymedia-Projekts vor staatlicher Repression. Dem maßen die verbleibenden Moderationskollektive höheren Stellenwert bei, als eine mögliche strafrechtliche Verfolgung zu riskieren, etwa durch die Veröffentlichung von Bildern und personenbezogenen Daten von Neonazis auf der Plattform.

Seitens der Vorbereitungsgruppe wird auf die »Principles of Unity« verwiesen, quasi die internationale Satzung, unter der alle IMC operieren. Dort ist zu lesen, dass es keinen »zentral gesteuerten, bürokratischen Prozess« geben solle, sondern die »Selbstorganisation einzelner autonomer Kollektive« zentrale Bedeutung habe. Dementgegen kämen Auseinandersetzungen über »informelle Hierarchien« und »Machtkonzentration« den süddeutschen Medienaktivisten zufolge in der bundesweiten Struktur »bislang zu kurz«.

Der Start eines regionalen IMC dürfte auf das bundesweite Indymedia kaum Auswirkungen haben. Wie bisher werden Teile der lokalen Berichterstattung auch dort einen Platz haben. Schwieriger wird es für die Aktivisten »linksunten«. Gibt es überhaupt eine Leserschaft und Autoren in der Region? Kann man langfristig den nötigen organisatorischen Aufwand leisten? Ein ähnlicher Versuch für Nordrhein-Westfalen liegt seit letztem Jahr auf Eis.

www.autonome-antifa.org/imc
de.indymedia.org

Quelle: Neues Deutschland vom Freitag, 9. Mai 2008


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Zoff bei Indymedia

Von Max Hägler

Freiburger AktivistInnen werfen dem linken Mediennetzwerk vor, zu wenig aktiv zu sein — und planen einen regionalen Südwest-Ableger.

„Don’t hate the media — become the media“: Was beim G8-Gipfel in Köln 1999 das Gründungsmotto der inzwischen weltumspannenden linken Nachrichtenseite indymedia.org war, beherzigen auch linke Nachrichtenaktivisten aus dem Freiburger Raum. Sie bauen derzeit unter dem Namen „linksunten“ ein regionales Indymedia, oder genauer „Independent Media Center“ (IMC), für Südwestdeutschland auf. Vom 23. bis 25. Mai gibt es ein Gründungstreffen im Autonomen Zentrum Freiburg.

Was auf den ersten Blick als leichtes Unterfangen wirkt, wird in der schnöden Realität komplizierter — und politisch. Denn auch das „Grassroots“-Projekt Indymedia ist nicht so basisdemokratisch, wie es sich der unbedarfte Nutzer vorstellt. Oder wie es sich die „linksunten“-Aktivisten erhoffen. Auch auf Indymedia wird moderiert, entscheiden „Moderatorenkollektive“ über prominente Platzierungen auf der Startseite des deutschen Web-Angebots.

Zudem beklagen einige aus der „linksunten“-Gruppe, das bestehende deutsche Indymedia-Netzwerk sei zu wenig aktiv: Es müsse mehr Mut zeigen, etwa bei der namentlichen Anprangerung von Neonazis. Und schließlich wurden im Frühjahr die Freiburger vom Moderatorenkollektiv ausgeschlossen. Die Gründe dafür sind schwer zu recherchieren, zu vage ist die Gesprächsmöglichkeit mit den Machern des bestehenden „gesamtdeutschen“ Indymedia-Netzwerks und mit den Leuten von „linksunten“. Denn kommuniziert wird ausschließlich über Mailinglisten samt Aliasnamen.

Die Freiburger verweisen nun auf die USA, Italien oder Großbritannien, wo es schon seit langem regionale IMCs gibt, während die deutsche Nachrichten derzeit „zentralistisch“ organisiert werden. Ein Regionalprojekt in Nordrhein-Westfalen war schon mal gescheitert, „linksunten“ ist ein neuer Anlauf, der diesmal zugleich auch eine starke „Offline“-Anbindung zu den Menschen vor Ort schaffen will.

Gewarnt wird innerhalb der Gruppe aber auch vor den Folgen einer Aufspaltung des deutschen Indymedia-Netzwerks: „Auch Dezentralisierung ist kein Wert an sich; die Gefahr besteht, dass man im Medienrauschen untergeht und eine schon bestehende Infrastruktur dupliziert wird.“

Quelle: die tageszeitung vom Dienstag, 20. Mai 2008


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»Wir wollen ein lebendiges Netzwerk bilden«

In Freiburg wurde jetzt »Indymedia linksunten« als regionale Internet-Organisation für den Südwesten gegründet. Ein Gespräch mit Paula Bruss

Interview: Ralf Wurzbacher

Paula Bruss ist eine Medienaktivistin aus Baden-Württemberg. Sie nahm am Gründungstreffen von »Indymedia linksunten« in Freiburg teil.

Jüngst hat sich in Freiburg ein neues Independent Media Center (IMC) für Südwestdeutschland namens »Indymedia linksunten« gegründet. Wozu braucht es einen regionalen Ableger des bundesweiten Indymedia-Netzwerkes?

Unser Ziel ist es, Bewegungen im Südwesten zu stärken und ihnen die Möglichkeit zu geben, ihre lokalen Kämpfe in einen globalen Zusammenhang zu setzen. Wir wollen eine lokale Verankerung erreichen und direkten Kontakt zu Indymedia ermöglichen. Ein regionales IMC bietet zudem einen leichteren Zugang zu lokalen Informationen als ein deutschlandweites IMC.

Wer steht hinter dem Projekt?

Auf dem Gründungstreffen waren 30 Leute aus verschiedenen Städten Südwestdeutschlands anwesend, einige weitere wollen zu den nächsten Treffen kommen. Wir sind Linksradikale aus libertären und antikapitalistischen Bewegungen und zum Teil in autonomen Gruppen organisiert. Indymedia ist ein offenes Medium, das von der aktiven Beteiligung seiner Nutzerinnen und Nutzer lebt. Wir wollen dazu beitragen, ein lebendiges Netzwerk zu bilden und durch den Austausch von Fähigkeiten Medienaktivismus von links unten zu fördern. Wir freuen uns über weitere Beteiligung.

Es gab Spekulationen, wonach linksunten eine Abspaltung von de.indymedia.org ist, weil ihnen deren Kurs nicht passe. Was hat es damit auf sich?

Indymedia versteht sich als Netzwerk mit möglichst vielen Knotenpunkten. In diesem Sinne wollen wir auch keine Konkurrenz zu bestehenden IMCs sein, sondern freuen uns auf eine konstruktive Zusammenarbeit mit den anderen über 180 Projekten weltweit. Der politische Kurs von linksunten wird von denjenigen bestimmt werden, die Artikel schreiben. Das Moderationskollektiv stellt lediglich die Plattform für die sozialen Gruppen zur Verfügung: von den Bewegungen für die Bewegungen.

Aber ausgerechnet das Freiburger Moderationskollektiv von Indymedia Deutschland ist im Frühjahr aus dem bundesweiten Zusammenhang ausgeschlossen worden. Ist das kein Hinweis darauf, daß es zwischen linksunten und dem großen Bruder kriselt?

Der große Bruder ist noch immer der Staat — de.indymedia.org aber ist ein befreundetes Projekt auf Augenhöhe. Die Differenzen der letzten Monate und der Ausschluß stehen einer konstruktiven Zusammenarbeit der beiden Projekte aus unserer Sicht nicht im Weg, und auch de.indymedia.org hat unser Gründungstreffen wochenlang auf der Startseite angekündigt. Abgesehen davon ist etwa Berlin weiter von linksunten entfernt als beispielsweise die Schweiz. Mit dem dortigen Indykollektiv arbeiten wir bereits zusammen.

Eine »Spaltung auf Schwäbisch«, wie unlängst Neues Deutschland schrieb, steht also nicht an?

Wieso betonen bisher alle kommerziellen Medien so sehr die Differenzen? In den Grundsätzen des Indymedia-Netzwerks heißt es: Indymedia »basiert auf den Prinzipien der Egalität, der Dezentralisierung und der lokalen Selbstbestimmung«. Wir wollen diese Prinzipien umsetzen und eine Alternative zu dem sein, was Noam Chomsky »massenmediale Konsensfabrik« nennt. Wir wollen eine Möglichkeit bieten, Informationen von links unten zu verbreiten: direkt und unkontrolliert.

Die tageszeitung mutmaßte, Ihnen gingen die inhaltlichen Eingriffe der Moderatoren bei Indymedia zu weit ...

Auch bei linksunten wird es Modera­tionskriterien geben, die jedoch im Moment noch diskutiert werden. Aber wir werden nicht nur moderieren, sondern auch zensieren, denn Nazis wollen wir zum Beispiel keine Plattform bieten. Aber uns ist es sehr wichtig, daß transparent und nachvollziehbar moderiert wird.

Wird linksunten mit einer eigenen Internetpräsenz auftreten?

Wir haben den Organisationsprozeß begonnen und wollen unter linksunten.indymedia.org eine eigene Website aufbauen. Wir basteln gerade an einer Testseite und diskutieren inhaltlich auf regelmäßigen Treffen an verschiedenen Orten im Südwesten sowie über Mailinglisten und Chats. Die Ergebnisse fassen wir in einem öffentlichen Wiki unter autonome-antifa.org/imc zusammen. Die Zukunft des deutschsprachigen Indymedias liegt in der Syndication — wie synde.indymedia.org — also der Zusammenfassung aller Inhalte auf einer Website.

autonome-antifa.org/imc
de.indymedia.org

Quelle: junge Welt vom Freitag, 3. Juni 2008


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»Mir schwätze halt so«

In der vorigen Woche wurde »Indymedia links­unten«, ein eigenes Independent Media Centre (IMC) für Südwest­deutschland, in das weltweite Indymedia-Netzwerk auf­genommen. Noch vor Jahresende soll die Website linksunten.indymedia.org online gehen. Johanna Alleman* hat Indymedia linksunten mitgegründet.

small talk von Markus Ströhlein

Es gibt schon eine deutsche Indymedia-Seite. Weshalb ist eine zweite nötig?

Es gibt sogar schon drei deutschsprachige Independent Media Centres: IMC Deutschland, IMC Österreich und IMC Schweiz. Die weitere Dezentralisierung erscheint uns notwendig, um lokale Bewegungen zu stärken.

Aber bisher konnten doch auch Menschen aus allen Regionen Texte auf Indymedia veröffentlichen.

Eine lokale Verankerung soll dazu beitragen, ein lebendiges Netzwerk zu bilden und Indymedia den lokalen Bedürfnissen anzupassen. Wir wollen zum Beispiel die Proteste gegen den 60. Nato-Gipfel am 3. und 4. April 2009 in Strasbourg und Kehl mit einem Medienzentrum unterstützen.

Handelt es sich nicht um eine Provinzialisierung, in deren Folge jemand aus Hamburg am Ende gar nicht mehr erfährt, was im Süden abläuft?

Im Gegenteil lassen sich Kämpfe vor Ort durch eine übersichtliche, regionale Berichterstattung besser wahrnehmen, verstehen und kennenlernen. Durch Syndizierung, also eine automatisierte Zusammenstellung von Inhalten verschiedener IMC, wird zudem ein gemeinsames deutschsprachiges Indymedia-Portal wie synde.indymedia.org ermöglicht.

Die Einladung zu einem ersten Vorbereitungstreffen war auch auf Schwäbisch abgefasst. Wird sich Indymedia linksunten der Dialektpflege widmen?

Mir schwätze halt so, wie uns de Schnawel gwachse isch. Außerdem ist uns der Abbau struktureller Hürden sehr wichtig und dazu gehört auch die Übersetzung von Texten nicht nur auf Indy­media linksunten.

*Name von der Redaktion geändert

Quelle: Jungle World vom Donnerstag, 11. September 2008


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Regional statt national — Interview mit Indymedia linksunten

Seit einiger Zeit laufen die Planungen, mit einem regionalen Independent Media Centre (Indymedia) „linksunten“ online zu gehen (stattweb berichtete). Wir befragten das Kollektiv zu ihren Motivationen und Zielen.

STZT: Neben den deutschsprachigen Independent Media Centres (Deutschland, Schweiz, Österreich) soll am Ende des Jahres auch Indymedia linksunten online gehen. Was erhofft ihr euch durch diese Dezentralisierung?

Durch die Dezentralisierung soll die Einbindung regionaler Bewegungen erleichtert werden. Wir erhoffen uns einen besseren Austausch und weniger Missverständnisse aufgrund virtueller Kommunikation durch regelmäßige Treffen und vis-à-vis Kommunikation. Durch persönlichen Kontakt ist es für Linke leichter als MedienaktivistInnen aktiv zu werden. Dezentrale Strukturen schaffen Verlässlichkeit durch Redundanz, denn mehr Knotenpunkte erschweren Angriffe auf das Indymedia-Netz als Ganzes. Indymedia linksunten will in einem grenzüberschreitenden Bezugsrahmen agieren. Der Fokus soll auf regionalen Themen, aber auch Großereignissen wie dem NATO-Gipfel in Strasbourg und Baden-Baden liegen, zu dem international mobilisiert wird.

STZT: Teile von euch wurden Anfang des Jahres vom IMC Deutschland aus dem ModeratorInnen-Kollektiv ausgeschlossen. Was war damals vorgefallen?

Wir haben uns dagegen entschieden, den damaligen Konflikt mit den anderen ModeratorInnen von de.indymedia.org in der Öffentlichkeit auszubreiten.

STZT: Inwieweit überschneiden sich eure politischen Vorstellungen — was präferiert ihr, was lehnt ihr ab?

Wir sind in verschiedenen autonomen Projekten aktiv, wollen Staat und Nation abschaffen und den Kapitalismus überwinden. Indymedia linksunten versteht sich jedoch als strömungsübergreifendes Projekt: Die NutzerInnen bestimmen die Inhalte. Wir wollen durch die Moderation antiemanzipatorische Inhalte ausschließen, aber keine politische Linie durchsetzen. Außerdem verstehen wir unter dem Projekt mehr als nur die Website, denn Medienaktivismus findet in erster Linie auf der Straße statt.

STZT: Wie erklärt ihr euch, dass Indymedia - einer eigentlich tollen Idee zur Brechung des Monopols bürgerlicher Medien - in letzter Zeit weniger durch gut recherchierte Beiträge als durch einem Übermaß von beliebigen Nachrichten und die Diskussionspöbeleien auffällt? Wie wollt Ihr diese Ausfallerscheinungen vermeiden und eine Qualitätssteigerung erreichen?

Es geht uns bei Indymedia linksunten nicht um einen Qualitätssteigerung gegenüber Indymedia Deutschland. Wir wollen als Teil des globalen Indymedia-Netzwerks eine Plattform für Bewegungen linksunten aufbauen. Regelmäßige offene Treffen des linksunten-Kollektivs sind ein zentraler Bestandteil unserer Arbeit und direkte Kontakte zu AktivistInnen sind uns wichtig. Beides wird durch die regionale Verankerung ermöglicht. Wir wollen transparent moderieren und sind für Rückfragen im Chat erreichbar: https://chat.indymedia.org/?chans=linksunten.

Indymedia linksunten soll vor allem ein linkes Nachrichtenportal von unten sein. Wir haben jedoch bemerkt, dass es bei vielen NutzerInnen von Indymedia ein Bedürfnis nach mehr als nur "eigenen Berichten und selbst recherchierten Reportagen" gibt. Deshalb bieten wir neben dem Newswire auch Raum für Termine und ein Pressearchiv. Ähnlich wie Indymedia Deutschland wollen wir herausragende Artikel längere Zeit auf der Startseite platzieren. Sie werden im Kaleidoskop in der linken Spalte ähnlich dem Newswire in der rechten Spalte angezeigt. Es wird eine dynamische und flexible Mittelspalte mit guten Artikeln aus dem Newswire geben. Wie bei Indymedia üblich können Artikel ergänzt und kommentiert werden. Von den Kommentaren werden standardmäßig erst einmal nur die Titel angezeigt. Erfahrungsgemäß besteht bei vielen Indymedia-Artikeln Diskussionsbedarf. Zur Übersichtlichkeit wollen wir die Diskussionsstränge in einer Baumstruktur darstellen. Außerdem werden wir uns um eine zeitnahe Moderation bemühen, um Spam- und Troll-Posting zu verstecken.

Mit den Autonomen Medienkollektiven hat sich der Ansatz verbreitet, kontinuierlich und kollektiv linksradikale Medienarbeit zu machen. Im Südwesten gibt es in Freiburg und im Rhein-Neckar-Raum Autonome Medienkollektive, die versuchen, gut recherchierte Hintergrundberichte zu verschiedenen Themen auch optisch ansprechend zu präsentieren und damit eine Qualitätssteigerung der Berichte auf Indymedia zu erreichen. Auch aus anderen Regionen wurden Medienkollektiv-Artikel auf Indymedia veröffentlicht und wir versuchen das Konzept durch praktische Zusammenarbeit mit MedienaktivistInnen weiter zu verbreiten. Indymedia linksunten will diese Art von Gruppenarbeiten durch die Bereitstellung interner Wikis technisch unterstützen. Dadurch werden Entwürfe möglich, also Artikel, die zeitlich in mehreren Phasen auf linksunten.indymedia.org geschrieben und nach Fertigstellung veröffentlicht werden können. Weitere technische Neuerungen wie HTML-Editoren und die bessere Einbindung von Multimedia-Inhalten werden ebenfalls bei Indymedia linksunten integriert sein.

STZT: Ähnliche Dezentralisierungsbemühungen gab und gibt es bei den IMCs in anderen Ländern. In Nordrhein-Westfalen ist ein solcher Versuch auch schon gescheitert. Wie steht ihr zur Gefahr der Provinzialisierung?

Den Begriff "Provinzialisierung" lehnen wir als städtezentristisch und ausgehend von einem politischen Zentrum ab, Regionalisierung hingegen befürworten wir. Indymedia ist als dezentrales Netzwerk angelegt, nationale IMCs sind eher aus der Not heraus entstanden. Auch bei de.indymedia.org wird seit der Entstehung über eine Dezentralisierung diskutiert. Wir sehen die Notwendigkeit regionale Informationen zu bündeln, was aber nicht an nationalstaatlichen Grenzen orientiert sein sollte. Technisch lässt sich das mittels Syndizierung umsetzen, wie es in der Schweiz, in den USA und in Italien bereits erfolgreich praktiziert wird.

STZT: Wie bewertet ihr das Projekt der Stattzeitung/Stattweb und wie könnte eine Zusammenarbeit nach euren Vorstellungen aussehen?

Die Bedeutung der Stattzeitung liegt in ihrer kontinuierlichen Berichterstattung, dem regionalen Fokus und dem strömungsübergreifenden Ansatz. Informationen werden einem breiten LeserInnenkreis auch offline zur Verfügung gestellt. Das Konzept der redaktionellen Betreuung unterscheidet sich jedoch vom OpenPosting bei Indymedia.

Zusammenarbeit auf praktischer Ebene können wir uns über den gegenseiten Austausch von Inhalten vorstellen: automatisiert via RSS-Feed oder manuell durch Posten von Artikeln. Besonders interessant fänden wir eine Zusammenarbeit im offline-Bereich. Wir könnten beispielsweise neben jedem Artikel einen Button "Zum Druck in der Stattzeitung vorschlagen" integrieren. Im Moment suchen wir noch nach einer Möglichkeit, Spenden für Indymedia linksunten entgegenzunehmen. Vielleicht könntet ihr uns da behilflich sein.

Die wichtigste Zusammenarbeit jedoch wird der solidarische Umgang miteinander sein, denn allein machen sie uns ein!

Autoren: Friedrich, Sebastian
Quelle: Stattzeitung vom Freitag, 31. Oktober 2008


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Ein Medien-Ableger kommt von links unten

In Freiburg entsteht eine zweite deutsche Indymedia-Version / Auch in basisdemokratischen Medien geht nichts ohne Kontrolle

Von unserer Mitarbeiterin Anja Bochtler

Kürzlich bei der Aufdeckung der Kontakte des Freiburger Journalisten Andreas Strittmatter zur Neonazi-Szene durch die Antifa (Antifaschisten) spielte das linke, überwiegend übers Internet aktive Mediennetzwerk Indymedia eine Rolle: Dort — in der Schweizer Indymedia-Version — war unter anderem das Video zu sehen, in dem Andreas Strittmatter mit seinem Hakenkreuz-Pullover auftritt. In Deutschland gab’s jahrelang bundesweit nur eine Indymedia-Version (de.indymedia.org). Seit Frühling entsteht in Freiburg eine zweite, die im Januar online gehen soll (linksunten.indymedia.org).

Bundesweit hat Indymedia seine Hoch-Zeiten bei Ereignissen wie dem G-8-Gipfel in Heiligendamm: Damals sei die Startseite 660 000 Mal aufgerufen worden, sagen Freiburger Indymedia-Aktivisten. Sie wollen mit ihrer neuen Version „Indymedia linksunten“ ein dezentraler Ableger für die Region „links unten“ auf der Landkarte sein, näher dran an politischen Bewegungen vor Ort. Nach der Gründung von „Indymedia linksunten“ mutmaßten linke Zeitungen wie die Junge Welt und die tageszeitung, die Freiburger unter den Indymedia-Moderatoren seien ausgeschlossen worden, weil sie uneins mit den anderen Moderatoren und deren Zensurkriterien gewesen seien. Auch in linken, auf Basisdemokratie pochenden Medien geht nichts ohne Kontrolle — erst recht im Internet, wo jeder mitmischen kann.

Darum sortieren Moderatoren Beiträge auch mal aus, zum Beispiel weil sie rechtsextrem sind. Die Freiburger wollen allerdings nichts zu den Konflikten sagen. Sie betonen die Gemeinsamkeiten zwischen dem bundesweiten Indymedia und ihrem Ableger: „Wir haben eine gemeinsame Philosophie und sind der lokale Ausdruck davon“, sagen zwei Männer Anfang 30, die anonym bleiben wollen — auch, um für „Feinde“ aus der rechten Szene unidentifizierbar zu bleiben.

Die zwei sind seit langem daheim im linken Spektrum Freiburgs: Als Filmemacher bei „Cinerebelde“ (übersetzt: „rebellisches Kino“), in der Freiburger Antifa-Szene, als Artikelschreiber fürs bundesweite Indymedia. Einer der beiden gehörte zu den Freiburgern, die im bundesweiten Moderatorenteam mitgearbeitet hatten und dort ausgeschlossen wurden. Die zwei Indymedia-Versionen sind miteinander verknüpft: Beide verweisen auf ihren Websites aufeinander, beide sind Mitglieder des globalen Indymedia-Netzwerks. Den Schritt weg von der zentralisierten Bundesebene fanden die Freiburger überfällig. In Großbritannien zum Beispiel habe sich Indymedia früh dezentralisiert. Und es gibt längst viele Indymedias: Seit 1999 in der internationalen globalisierungskritischen Bewegung alles anfing, hat sich die Idee, eine digitale Gegenöffentlichkeit in Abgrenzung zu etablierten Medien zu schaffen, auf sechs Kontinenten verbreitet. Die funktioniert nach Einschätzung der Freiburger umso besser, je stärker sie lokal verankert ist. Nicht nur, weil Colmar von Freiburg aus näher liegt als Berlin. Sie verstehen Indymedia als Bewegung von denen, die aktiv werden — und selbst darüber schreiben statt über sich schreiben zu lassen. Das alte linke Ideal einer eigenen Geschichtsschreibung: Gibt’s dafür in Freiburg nicht schon das Archiv für soziale Bewegungen und Radio Dreyeckland? Denen wollen die Indymedia-Aktivisten keine Konkurrenz machen, sondern sie — auf Internet-Ebene — ergänzen.

Bei der Gründung in der autonomen KTS seien rund 30 Aktive dauerhaft dabei gewesen, sagen die Freiburger. „Indymedia linksunten“ richtet sich an den gesamten Südwesten. Beim Nato-Gipfel im April soll es „Zentrum des Protests“ werden.

Quelle: Badische Zeitung vom Mittwoch, 7. Januar 2009


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