Warum toleriert die Reitschule antisemitische Plakate?

Offener Brief an die Reitschule Bern vom 15.04.2010

Der so genannte „Prozess von Bern“ von 1933 bis 1935 endete mit der Feststellung, dass die antisemitischen „Protokolle der Weisen von Zion“ eine Fälschung sind. Trotzdem hatten die „Protokolle“ über eine angebliche „jüdische Weltverschwörung“ reale Auswirkungen: Sie bildeten die ideologische Grundlage des eliminatorischen Antisemitismus des Nationalsozialismus, der die Ermordung von sechs Millionen Jüdinnen und Juden ermöglichte. Zum 1. Mai 2010 wurde in der Reitschule Bern ein Plakat gezeichnet, gedruckt und aufgehängt, das antisemitische Stereotype aufgreift und reproduziert.

Uns verbindet eine lange Zusammenarbeit und Anteilnahme mit der Reitschule und dort aktiven Gruppen. Wir haben mitgeholfen, den SVP-Marsch auf Bern zu verhindern und nach dem Brandbombenanschlag auf die Reitschule haben wir antifaschistische Strukturen solidarisch unterstützt. Wir haben uns an den Mobilisierungen gegen das WEF und die WTO beteiligt und nach den Hausdurchsuchungen bei der Anti-Repressionsarbeit geholfen. Wir schreiben diesen Brief an die Reitschule, weil wir der Meinung sind, dass ein antisemitisches Plakat nicht unkommentiert bleiben darf.

Wir kritisieren nicht den Aufruf des Revolutionären 1. Mai Bündnis Bern, in dem die Notwendigkeit betont wird, sich damit „zu beschäftigen, wie der Kapitalismus tatsächlich funktioniert“, sondern die Bildsprache des Plakats. Dominierend sind die Hände des Marionetten-Spielers. Die Symbolik des „jüdischen Drahtziehers“ geht zurück auf die „Protokolle“, wo es heißt: „Zweitens werden wir durch unsere Intrigen auf alle Fäden einwirken, die wir in den Kabinetten aller Staaten gesponnen haben durch die Politik, durch wirtschaftliche Verträge oder Schuldverschreibungen.“

Die Figuren auf dem Bild sind gefesselt, blind, verstrickt und wehren sich gegen Manipulation und Fremdbestimmung. Keine der Figuren schaut nach oben, niemand bemerkt, durch wen sie gelenkt werden. Die Figuren sind lediglich Opfer des Kapitalismus, der sich nicht als soziales Verhältnis zwischen den Menschen, sondern als Macht im Hintergrund manifestiert. Die Figur des mächtigen, aus dem Hintergrund die Fäden ziehenden Juden ist ein häufiges Motiv der Nazipropaganda und wurde zum Beispiel in der Nazi-Satirezeitung „Fliegende Blätter“ Nr. 5 von 1942 abgebildet. Aber auch heute noch wird das Bild des Marionettenspielers von Neonazis verwendet.

Eine zeitgenössische Verwendung des Motivs findet sich in dem Lied „Diese Zeit“ der baden-württembergischen Naziband „Division Staufen“: „Den Stolz haben die Deutschen verloren, sie werden zu Marionetten erzogen.“ In der „Argumentationshilfe gegen die NPD-Schulhof-CD 2009“ heißt es dazu: „Die Metapher von der Marionette verlangt einen, in dessen Händen die Fäden zusammenlaufen; jemand, der im Verborgenen die Strippen zieht. Sie entstammt unmittelbar der antisemitischen Verschwörungstheorie vom jüdischen Strippenzieher und Finanzkapitalisten, wie sie nationalsozialistische Staatsdoktrin wurde.“

Der Wirtschaftstheoretiker der NS-Propaganda, Gottfried Feder, unterschied zwischen der positiv besetzten Produktionssphäre („schaffendes Kapital“) und der negativ besetzten Zirkulationssphäre („raffendes Kapital“). Durch die Personalisierung des „raffenden Kapitals“ wurde den Juden und Jüdinnen die Urheberschaft allen Übels in der Welt zugeschrieben. Sie gipfelte in der nationalsozialistischen Hetzparole „Die Juden sind unser Unglück“, wie sie 1935 für eine NS-Propagandaveranstaltung im Berliner Sportpalast aufgehängt wurde. „Dem Juden“ wird dabei eine ungeheure Macht zugeschrieben: Die Kontrolle des Weltgeschehens durch die Verfügungsgewalt über das Kapital. Auf dem Plakat wird die durch den Marionettenspieler dargestellte Macht noch durch die mit Kondensstreifen versehenen und damit an eine Bomberstaffel erinnernden Währungszeichen verstärkt.

Ein weiteres antisemitisches Stereotyp auf dem Plakat sind die Hände, deren wilde Gestik eine klischeehafte Geschäftigkeit widerspiegeln. Die Mimik des Totenschädels wirkt durch die zusammengezogenen Augenbrauen und den geöffneten Mund bedrohlich und fratzenhaft. Auch die durch den lang gezogenen Nasenknochen angedeutete „jüdische Nase“ und der Hut sind antisemitische Stereotype.

Der Goldring an der Hand des Marionettenspielers erinnert an den „Gelben Ring“, den Juden und Jüdinnen im Mittelalter auf der Kleidung tragen mussten. Der gelbe „Judenring“ war damit Vorläufer des gelben „Judensterns“ im Nationalsozialismus. Die Aufschrift „In Gold We Trust“ auf dem Goldring ist an das „In God We Trust“ auf den US-Dollarscheinen angelehnt und liest sich als Anspielung auf die angebliche Finanzmacht der „jüdischen Ostküste“ der USA.

Der Goldzahn des Totenschädels provoziert Assoziationen an die Goldzähne, die Jüdinnen und Juden in den Konzentrationslagern ausgeschlagen wurden. Im Schweizer Untersuchungsbericht zum „Nazigold“ heißt es: „Wichtigster Abnehmer der deutschen Goldlieferungen war die Schweiz“. Die Schweizerische Nationalbank besaß 119,5 Kilogramm Schmuck- und Zahngold von KZ-Häftlingen.

Auch wenn dem Revolutionären 1. Mai Bündnis Bern die Tragweite der verwendeten Symbolik vielleicht nicht bewusst ist, tradieren diese Plakate unabhängig von der Intention den Antisemitismus. Die Plakate kommen aus der Reitschule und werden von dort verbreitet. Gerade weil von Seiten des Bündnisses denen mit körperlicher Gewalt gedroht wird, die die Verbreitung verhindern wollen, muss sich die Reitschule zu den Plakaten positionieren.

Autonome Antifa Freiburg


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