Der Nazi im Attraktor

Communiqué vom 03.07.2012

Im Mai 2012 begann in Wien der Prozess wegen Wiederbetätigung im nationalsozialistischen Sinne nach dem «Verbotsgesetz 1947» gegen die Nazis Gottfried Küssel, Felix Budin und Wilhelm Christian Anderle als Betreiber der Naziwebsite alpen-donau.info (ADI) und des angeschlossenen Forums alinfodo.com. Im Laufe des Prozesses erwähnte Anderle, dass er Mitgründer des Anonymsierungsdienstleisters «Perfect Privacy» sei. Laut Prozessprotokoll arbeitet dort neben Anderles Nazifreundin Christina A. auch der «Perfect Privacy»-Mitgründer und Nazi Robert Marquardt, Bramfelder Straße 128, 22305 Hamburg.

Marquardt hatte bis zur Abschaltung am 22.03.2011 den ADI-Server angemietet, auf dem auch rund 50 andere Naziseiten gehostet waren, darunter grossdeutsches-vaterland.net. Der Nazi-Techniker Robert Marquardt ist zudem Vorstand des „Attraktor e.V.“, in dessen Räumen im Mexikoring 21, 22297 Hamburg, sich auch die Hamburger Ortsgruppe des «Chaos Computer Clubs» (CCC) trifft. Auf unsere Warnung an den CCC, dass Marquardt einer der wichtigsten deutschsprachigen Nazi-Techniker sei, reagierten die Nerds, wie es in diesen Kreisen üblich ist: gar nicht.

„What position would you liked to have held in the Third Reich?“
(Thread auf skadi.net vom 15.01.2005)

Robert Marquardt wurde Mitglied auf skadi.net, als das «Nationale Forum» mit «Skadi» fusionierte: „WPMP3 united the ‚Nationales Forum‘ with the Skadi Forum. Since that am I here and must say, it is a great forum!“ Marquardt wählte als Pseudonym «Gestapo Müller» nach dem Chef der «Geheimen Staatspolizei» Heinrich Müller. Auf die Frage nach seiner Lieblingsposition im „Dritten Reich“ antwortet Marquardt am 15.01.2005: „The leader of the RSHA (SS-Obergruppenführer Heydrich) or the Gestapo (SS-Gruppenführer Müller).“

Natürlich müssen auch Internetnazis von irgendetwas leben, also ist die Frage „What do people do for a living?“ naheliegend. «Gestapo Müller» verrät den «Skadi»-Mitgliedern am 06.07.2004: „I was employed as software developer and project manager. I quit my job and started to build up my own Information Technology business.“ Ein halbes Jahr später, am 11.01.2005 gibt er „Software Developer (self-employed)“ als Beruf an und am 23.03.2005 „Software Developer & IT Security Consultant“. Auch ansonsten ist Marquardt nicht schweigsam. So teilt er im Thread „Suomut’s Iris Pigmentation Poll“ mit: „My eyes are Blue-Gray!“ Und bei der Frage nach der „Height of Skadi Members“ ist seine Antwort „185 cm“. Besonders interessant ist seine Antwort auf „Your First Name, Its Origin and Meaning“, die er am 30.12.2004 auf skadi.net einstellt: „My first name is Robert, an ancient germanic name which means ‚shining fame‘.“

„Juden, Negern sowie Mischlingen ist die Mitgliedschaft untersagt.“
(«Patria» am 31.03.2006 auf grossdeutsches-vaterland.net, Zitat aus den „Richtlinien“)

Robert Marquardt wurde auch als Mitglied im «Nationalsozialisten Privatforum» auf skadi.net aufgenommen, das von Christian Wallner alias «Mjölnir» aus Wiener Neustadt verwaltetet wurde. Nach Marquardts Meinung wurde das NSPF „speziell für die NS’ler eingerichtet um Themen geschlossen besprechen zu können“. So forderte Marquardt beispielsweise „Land und Boden gemäß den Grenzen des Deutschen Reiches von 1940“. Es geht ihm „um die Umsetzung gewisser Ziele in Politik und Gesellschaft, die Herrschaftsform ist für mich nicht ausschlaggebend, solange es nicht eine Demokratie wie diese ist“. Ab dem 16.09.2005 nannte sich Marquardt «Thule» nach der 1918 gegründeten antisemitischen «Thule-Gesellschaft» und am 25.01.2006 schließlich «Patria».

Im Mai 2005 gründete Robert Marquardt das «Forum Großdeutsches Vaterland» als eine Art Abspaltung von «Skadi» mit: ein Forum „exklusiv für Nationalsozialisten und Sympathisanten des Nationalsozialismus. Unser Ziel ist es, die Mitglieder zu bilden und zum politischen Handeln zu bewegen.“ Konsequent schließt Robert Marquardt, der sich auf grossdeutsches-vaterland.net ebenfalls «Patria» nennt, seine Hauptfeinde aus: „Juden, Negern sowie Mischlingen ist die Mitgliedschaft untersagt.“

„Er hat sich stehts verraten, durch seine Taten!“
(«Patria» am 22.11.05 auf skadi.net, Zitat der Naziband «Hassgesang» aus dem Lied „Wehr Dich“ vom Album „Alte Kraft soll neu entstehen“)

Auch auf skadi.net verbreitete Marquardt weiter seine nationalsozialistische Hetze: „Meiner Meinung nach sind im Dritten Reich einige Juden ums Leben gekommen, wieviele und unter welchem Umständen oder wie dies heute oder morgen genannt wird, interessiert mich herzlich wenig, da in meinen Augen die Maßnahmen gerechtfertigt waren. [...] Solange wie es Juden auf diesem Planeten gibt, wird es auch Menschen geben, die Sie in ihrer Gegenwart nicht wünschen.“ Am 15.03.06 postet Marquardt beispielsweise den Text des Liedes „Die braunen Soldaten“ der Naziband «Endlösung» aus ihrem Album „Unter dem Hakenkreuz“: „Nieder mit den Demokraten, nieder mit dem Ausländerpack! Wir sind die braunen Soldaten, des Führer gelungene Saat!“ und „Hitler, Sieg Heil!“

Als sich thiazi.net 2007 von skadi.net abspaltete, unterstütze Marquardt die «Thiazi»-ModeratorInnen, indem er ihnen den Umgang mit verschlüsselter Kommunikation beibrachte und Jabber-Accounts auf seinem Server grossdeutsches-vaterland.net einrichtete. Wie skadi.net basieren auch thiazi.net und grossdeutsches-vaterland.net auf vBulletin, einem kommerziellen Forensystem. Bei beiden «Skadi»-Abspaltungen wurde das Add-On «PM Encryption» installiert, das insgesamt nur bei 14 vBulletin-Installationen weltweit zum Einsatz kommt. Dieses Add-On ist der Grund, warum beide Naziforen die mittlerweile sicherheitstechnisch wenig zu empfehlende Version 3.8.x einsetzen.

„StA zitiert aus Text, wo Robert M. als Host von ca 45 Domains mit rechtsextremem Inhalt angeführt wird, unter anderem Großdeutsches Vaterland.“
(Liveberichterstattung vom ADI-Prozess vom 23.05.2012 auf derStandard.at)

Am 18.04.2009 ging ADI nach dem Vorbild der deutschen Sektion von «Altermedia» online. Gehostet wurde die Website vom US-amerikanischen Anbieter «Dreamhost» auf einem Server, auf dem neben grossdeutsches-vaterland.net noch rund 50 weitere Naziseiten gehostet wurden. Die Wahl des Hosters erwies sich als wenig traumhaft, da «Dreamhost» die Zugangsdaten für den ADI-Account an das US-amerikanischen FBI weitergab, nachdem das österreichische „Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung“ das FBI um Amtshilfe gebeten hatte. Im Zuge der ADI-Prozesses wurde klar, dass der Server, auf dem sich die ganzen Naziseiten befanden, bis zur Abschaltung von ADI am 22.03.2011 von Robert Marquardt angemietet und bezahlt worden war.

Robert Marquardt wurde am 13.06.2012 als Vorstand des Hamburger «Attraktor e.V.» wiedergewählt. Der Verein wurde Mitte 2008 gegründet, die Räume im Mexikoring 21 in Hamburg wurden Anfang 2010 bezogen. Die Eigenbezeichnung des «Attraktors» ist „Hackspace“, ein Zuhause für Technikbegeisterte, den Hamburger CCC und SchlossknackerInnen. Zum Jahresende wird im «Attraktor» regelmäßig die Hamburger Außenstelle des Berliner «Chaos Communication Congress» eingerichtet. Beim 27C3 Ende 2010 sponsorte Marquardts Nazifirma «Perfect Privacy» Anonymisierungsaccounts: „Fuer Recherche ohne GeoIP Barrieren werden Tunnel via Perfect Privacy vorhanden sein. PP stellt uns diese fuer die Dauer der Peace Mission kostenlos zur Verfuegung.“

„We come in peace, we say as hackers, geeks and nerds, when we set out towards the real world and try to change it, because it has intruded into our natural habitat, the cyberspace.“
(Motto des 27C3 in Anspielung auf „Mars Attacks!“)

Im Forum von «Perfect Privacy» schreibt Robert Marquardt unter dem Pseudonym „Patrick“ in der „Plauderecke“: „Zugriff auf die PP Server haben alle Administratoren, die auch regelmässig einen Blick auf die Konfiguration werfen und damit gewährleisten, dass nicht geloggt wird.“ Im Kongress-Wiki des 27C3 finden sich auf der „Liste von Naziseiten“, die als mögliche Ziele der traditionellen Hackangriffen während des Kongresses ausgegeben wurden, auch die von Marquardt gehosteten Seiten alpen-donau.info und grossdeutsches-vaterland.net. JedeR der «Perfect Privacy»-Admins hatte also die Möglichkeit, eventuelle Angriffe über die gesponsorten VPN-Accounts zu identifizieren und eventuell sogar einzelnen Personen zuzuordnen. Auch Ende 2011 lud Robert Marquardt wieder in den «Attraktor» ein: „Neben der überfüllten Hauptveranstaltung in Berlin, wird auch dieses Jahr eine Peace Mission zum Chaos Communication Congress (28C3) im Attraktor stattfinden.“

Bereits vor der den «Attraktor»-Vorstandswahlen am 13.06.2012 informierten wir den CCC über Marquardts Naziaktivitäten. Es stellte sich heraus, dass Robert Marquardt gegenüber den «Attraktor»-Gruppen behauptet hatte, bereits 2008 aus der Naziszene ausgestiegen zu sein. Die von Marquardt aufgebaute und jahrelang betreute technische Infrastruktur für Nazis besteht jedoch zum Teil noch immer und er hat umfangreiches Wissen über die Nazi-Admins und den von ihnen aufgebauten Strukturen. Obwohl wir darauf hinwiesen, dass es sich bei Marquardts angeblichem Ausstieg 2008 um eine Schutzbehauptung handeln muss, da er bis zur Abschaltung für alpen-donau.info und weitere Naziseiten verantwortlich war, wurde er ohne Gegenstimme als Vorstand bestätigt.

„Kann ich dir auch nicht sagen, weil ich es nicht weiss und mir auch ehrlich gesagt egal ist. Und selbst wenn ich es wüsste, würde ich es nicht sagen.“
(Reaktion eines CCClers vom 28.06.2012 nach der Konfrontation mit Widersprüchen, die sich aus Marquardts Lügen ergeben)

Die Reaktionen auf unsere Anfragen an die «Attraktor»-Gruppen bezüglich Maquardts Naziaktivitäten waren geprägt von rechtsoffener Ignoranz. Sie reichten von „wir grenzen niemand aus, weil er eine Vergangenheit hat, egal ob sie links oder rechts ist“ über „in Sachen Tolleranz muesst Ihr noch eine Menge lernen, so scheint es mir“ bis „zu Roberts Vergangenheit sage ich mal nix“. Niemand dachte auch nur entfernt daran, etwas gegen den Nazi in den eigenen Reihen zu unternehmen: „Wir haben mit Robert viel Zeit verbracht und haben ihn nie als rechts erlebt. Meine Persoenlichen Erfahrungen werte ich hoeher als euer Geschrei.“

Ganz im Gegenteil wurde die antifaschistische Warnung im Vorfeld der Vorstandswahl als Angriff gewertet: „Eure Einmischung haben wir als Affront verstanden und hat sicherlich dazu gefuehrt das das Wahlergebnis fuer Robert ueberdurchschnittlich gut war.“ Die offizielle Stellungnahme von CCC Hamburg war dann auch nur konsequent:

„On Mon, Jun 25, 2012 at 13:26:59 +0200, Autonome Antifa Freiburg wrote:
[Blahblah gelöscht]
> Wir möchten euch daher um eine Stellungnahme bitten.
Bekommt ihr aber nicht.
> Mit antifaschistischen Grüßen,
Hail Eris!“

(Antwort des CCC Hamburg auf den Hinweis, dass Robert Marquardt mindestens bis zum 22.03.2011 Naziseiten gehostet hat)

Mit einer ähnlichen Ignoranz wie der CCC reagieren auch die KundInnen von «Perfect Privacy» auf die Nazivorwürfe. Ein gewisser Siegfried alias „Yoshimo“, nach eigenen Angaben ein „long-haired, bisexual, xenophile Otaku and a member of the German Pirate Party“, schreibt beispielsweise im «Perfect Privacy»-Forum entsprechend seiner Grundüberzeugung „fascism IS an opinion and NOT a crime“ zu den Nazi-Vorwürfen: „1. I belive this accusation is true. 2. I couldn’t care less about that. 3. PP’s outstanding service is what counts.“ Seltsam ist allerdings, dass KundInnen eines Anonymisierungsdienstes, die skrupellos genug sind, um Faschismus als eine Meinung unter vielen zu sehen, kein Problem mit Ermittlungen sowohl des Staats- als auch des Verfassungsschutz gegen das Unternehmen haben.

Beim «Chaos Computer Club» hätten wir hingegen eine gewisse linke Grundhaltung vermutet, aber offenbar ist diese Annahme in Zeiten von „digitaler Entwicklungshilfe für die Enquête-Kommission“, einer Steigbügelhalterfunktion für die FDP und Naziskandalen in der «Piratenpartei» nicht mehr länger gültig. Die Untätigkeit des CCC im Kampf gegen Nazis und der Schutz, den Robert Marquardt durch die «Attraktor»-Gruppen erfährt, sind ein politischer Offenbarungseid.

Ob im Hackspace oder Cyberspace: Kampf dem Faschismus!

[a²] Hamburg | Antifa Hamburg | Antifa Info | Autonome Antifa Freiburg


Dieses Communiqué mit Reaktionen auf Indy linksunten