Nach LTO, taz und FR hat nun auch die FAZ (Archiv) über das Duell in Marburg berichtet. Allerdings hat die Frankfurter Allgemeine Zeitung nicht wirklich irgendwelche Neuigkeiten zu berichten und außerdem so ihre Probleme mit Quellen im korporierten Milieu. So mussten wir als Quelle dienen:
„Bei der Wiedergabe des Geschehens ist der Konjunktiv geboten, denn keiner der angeblich Involvierten hat auf die Bitten der F.A.Z. um Stellungnahme reagiert – weder die beiden betreffenden Studentenverbindungen noch die Dachverbände, denen sie angehören. Die einzige schriftliche Quelle zur Vorgeschichte des Ganzen ist ein Brief, den die Autonome Antifa Freiburg im Internet veröffentlicht hat. Was dieser Brief ausgelöst haben soll, ist der F.A.Z. durch Hörensagen bekannt.“
Der FAZ-Artikel versucht die „Pro Patria-Suite“ in Marburg zu bagatellisieren und zitiert dafür den Pressesprecher des „Coburger Convents“ Martin Vaupels. Aus Vaupels Text „Coburger Pfingstkongress – Gestern und heute“, welche in der letzten halbwegs unbeschwerten Ausgabe 01/2023 des CC-Magazins erschien, stammt das Zitat in dem FAZ-Text:
„Die Marburger Landsmannschaft wiederum ist Mitglied im Coburger Convent, der sich 2023 nach einer PP-Suite zwischen zwei Verbindungen in Erlangen zu dem Thema geäußert hat: Solche Fechtfolgen seien keine ,Ehrenhändel‘ und damit auch kein ,Duell‘, vielmehr wie die Bestimmungsmensur ein ,Sport, der festen Regeln folgt‘.“
Als Expertin befragt die FAZ außerdem „Sozialwissenschaftlerin Sarah Schmidt“, welche „die Position der Dachverbände“ kenne. Zu der „Pro Patria-Suite“ zwischen dem „Corps Hasso-Nassovia Marburg“ im „Kösener Senioren-Convents-Verband“ (KSCV) und der „Landsmannschaft Hasso-Borussia Marburg“ im „Coburger Convent“ (CC) befragt, gibt die Expertin ihre Außenansicht zu Protokoll: „Eine Pro-Patria-Suite ist aus meiner Außensicht ein außergewöhnlicher Vorgang“. Aus unserer Innensicht hingegen ist eine „Pro-Patria-Suite“ ein ziemlich gewöhnlicher Vorgang, der in Deutschland an nahezu jedem Wochenende stattfindet. Wie wohl die Innenansicht der Expertin aussieht?
Die FAZ weiß über Sarah Schmidt zu berichten, dass die „Sozialwissenschaftlerin der Frankfurter Universität [...] sich schon länger mit Studentenverbindungen“ befasse. „2023 hat sie für eine Studie mehr als 3000 Korporierte befragt; die Ergebnisse will sie demnächst als Buch veröffentlichen.“
Sarah Schmidt ist selbst nicht korporiert. Aber ihr Ehemann Olaf Schmidt ist „Alter Herr“ der „Straßburger Turnerschaft Alsatia zu Frankfurt am Main“ im „Coburger Convent“. Am 10. Oktober 2022 warb Olaf Schmidt in einer Facebook-Diskussion im TraMiZu-Forum zum Thema: „Forschungsprojekt zu Studentenverbindungen“ im Namen seiner Angetrauten noch einmal um Teilnehmer an ihrer Studie:
„Hoher Zoo,
ich möchte an dieser Stelle noch einmal auf das Forschungsprojekt meiner Ehefrau im Rahmen ihrer Habilitation hinweisen. Was ist zu tun? Ausfüllen eines Online-Fragebogen, Dauer ca. 20 Min. Wer kann helfen? Alle Korporierten – besonders Mitglieder von Damen- und gemischten Verbindungen sind bei den Antworten noch unterrepräsentiert. Was habe ich davon? Da die Motvationslage, einer studentischen Korporation anzugehören, wissenschaftlich nicht adäquat untersucht wurde, ist zu erwarten, dass die Ergebnisse für die Keile von großem Wert sein werden. Vielen Dank!
Forschungsprojekt zu Studentenverbindungen
Mein Name ist Dr. Sarah Schmidt, ich bin Wissenschaftlerin an der Goethe-Universität Frankfurt und setze aktuell ein Forschungsvorhaben zu Studentenverbindungen im deutschsprachigen Raum um. Dazu bitte ich um Ihre Unterstützung!
Das Forschungsvorhaben trägt den Titel ,Mythos Studentenverbindung – ein außergewöhnlicher Lernort?‘ und will eine repräsentative Befragung von Korporierten durchführen und auswerten. Da es bisher keine wissenschaftliche fundierte und politisch unvoreingenommene Forschung gibt, denen Korporierte selbst als ,Untersuchungsgegenstand‘ zugrunde liegen, ist es mir ein Anliegen, möglichst viele Aktive und Hohe Damen bzw. Alte Herren zu erreichen, um bisher unbelegte Vorurteile zu widerlegen. Persönlich bin ich mit dem Thema Studentenverbindungen vertraut und finanziere dieses Forschungsprojekt privat.
Die Daten werden selbstverständlich anonym behandelt, Rückschlüsse auf einzelne Personen werden in keinem Fall möglich sein. Sehr gerne stelle ich Ihnen die Ergebnisse der Befragung – bei ausreichendem Rücklauf auch sehr detailliert – zur Verfügung. Ich gehe davon aus, dass der Erkenntnisgewinn groß ist und die Daten u.a. für das Keilen neuer Mitglieder genutzt werden könnte.“
Die Reaktion der versammelten korporierten Öffentlichkeit war angesichts der in Aussicht gestellten „Keilhilfe“ wenig überraschend wohlwollend. Sehr viele „Zooinsassen“ haben an der „Studie“ teilgenommen und weitere Korporierte dazu motiviert. (Nur Ties Reese erntete 13 wiehernde Smileys für seinen Beitrag: „Wesentlich zu neugierig.“ Im Rückblick ist das höchst ironisch.) Martin Vaupel kommentierte wörtlich und vollkommen unironisch:
„Mann kann diese Studie ohne Bedenken unterstützen und die Ergebnisse werden am Ende den Korpoprationen auch auf Wunsch zur Verfügung gestellt. Das Vorhaben wird auch vom Vorstand des AHCC e.V. gebilligt und unterstützt!“
Thierry Jean Ruch, langjähriger Mitarbeiter an der Professur für Informationsmanagement der Georg-August-Universität Göttingen und „Alter Herr“ der „KStV Winfridia Göttingen“ im „Kartellverband“, hatte einen Einwand:
„Huh! Wenn in der Einleitung bereits steht ,ist es mir ein Anliegen, möglichst viele Aktive und Hohe Damen bzw. Alte Herren zu erreichen, um bisher unbelegte Vorurteile zu widerlegen‘, dann ist schon an der Stelle die Methodik kaputt, wenn klar und explizit ist, dass das Ergebnis ,widerlegen‘ sein soll (unabhängig davon, welche Daten reinkommen).“
Olaf Schmidts damalige Antwort an Thierry Jean Ruch über die heutige FAZ-„Expertin“ Sarah Schmidt:
„Ich habe Deinen Einwand weitergeleitet. Hier die Antwort meiner Frau:
Ja, wahrscheinlich gibt es bei meiner Forschungsfrage und der Motivation eine positiven Bias. Allerdings bin ich empirische Sozialforscherin und damit den Daten ,verpflichtet‘. Wenn meine Daten also sagen, dass ihr alle rechtsradikale, saufende Frauenhasser seid (was ich eben nicht glaube), dann würde ich das auch so veröffentlichen.
Jeder Forscher hat ja ein spezifisches Interesse an ,seinem‘ Gegenstand, sonst würde er das nicht befolgen. Und manchmal ist der Wunsch, bereits vorhandene Ergebnisse zu widerlegen, Ausgangspunkt, aber nicht Ergebnis…
Ich könnte jetzt noch aus der Philosophie her argumentieren, aber das würde hier zu weit führen.“