An der Julius-Maximilians-Universität Würzburg hat sich in den letzten Jahren eines der aktivsten rechten Netzwerke Deutschlands etabliert. 2014 hat ein wichtiges Mitglied des Lehrstuhls für Neueste Geschichte von Prof. Peter Hoeres in einem rechtsextremen Magazin explizit zu einer Strategie der Diskursverschiebung und gesellschaftlichen Unterwanderung aufgerufen, um die Ziele des politischen Kreises um Björn Höcke und Götz Kubitschek effektiver umsetzen zu können. Die dort ausformulierte politische Strategie wurde danach sowohl von der Neuen Rechten, an die es gerichtet war, als auch am Lehrstuhl für Neueste Geschichte der JMU Würzburg umgesetzt. Dass es sich bei einem solchen Lehrstuhl immer auch um eine bedeutsame Stelle der Ausbildung von Lehrkräften handelt, erhöht die Brisanz des Falls enorm. Im Folgenden wird gezeigt, wie fahrlässig sich die Uni zu einem Hort rechtsradikaler Bestrebungen entwickelt hat, obwohl sie alle formellen Mittel in der Hand hätte, sich zumindest offen gegen diese Bewegung zu stellen und deren Umtriebe massiv zu erschweren. Es fällt daher schwer, hinter der Untätigkeit keine politische Motivation zu vermuten.
Benjamin Hasselhorn
Benjamin Hasselhorn, akademischer Rat am Lehrstuhl für Neueste Geschichte, hat dem Spiegel gegenüber eingeräumt, bis 2019 über 60 Texte unter verschiedenen Pseudonymen in Magazinen wie Götz Kubitscheks rechtsextremer „Sezession“ und „mehreren anderen rechten Postillen“ veröffentlicht zu haben. [1] In seinem Text „Demokratie von Rechts“ rät er der Neuen Rechten von einer Revolution von Rechts ab und empfiehlt stattdessen „anknüpfendes Agieren“ und „metapolitische Klugheit“ – also eine Unterwanderungstaktik durch Diskursverschiebung. [2] Dort heißt es:
„Angesichts der nun schon seit einigen Jahren laufenden Debatte über »Postdemokratie« und auch angesichts des Erfolgs von Politserien wie Borgen und vor allem House of Cards, die man als Ankündiger eines neuen Zynismus verstehen könnte, wäre es auf den ersten Blick durchaus denkbar, den bisher insbesondere vom IfS [3] verfolgten demokratisch-rechten und »volkskonservativen« Weg zu verlassen und eine rechte Alternative zur Demokratie zu entwerfen.“
Dies sei jedoch aktuell keine Option:
„Auf das Prinzip der Elite nämlich konnten sich die konservativen Revolutionäre der Zwischenkriegszeit oder auch ein Stauffenberg nur deshalb mit gutem Gewissen berufen, weil man das Vorhandensein einer real existierenden Gegenelite voraussetzen konnte. Dies aber ist heute unmöglich“.
Er folgert deshalb:
„In dieser Situation wird niemand mit Aussicht auf Erfolg eine rechte Gegenelite aufbauen können. Die einzig realistische Alternative bestünde dagegen in der Erkenntnis, daß, wenn überhaupt, dann in der Stärkung des Mehrheitsprinzips noch Widerstandsreserven gegen die massiven staatlichen Selbstzerstörungstendenzen zu finden sind. Dazu aber ist nicht nur eine eindeutige Parteinahme für die Demokratie erforderlich, sondern auch die Bereitschaft, »anknüpfend« zu agieren.“
Zu diesem Zweck fordert er letztlich „metapolitische Klugheit“, also eine politische Taktik, die den vorpolitischen Raum, die gesellschaftlichen Diskurse, Meinungen und Grenzen des Sagbaren bespielt und entsprechend verschiebt, bevor man die eigentlichen politischen Ziele aktiv versucht umzusetzen. Hasselhorn hat somit ganz klar seine grundlegende Übereinstimmung mit den politischen Zielen und Gesellschaftsvorstellungen des politischen Kreises um Götz Kubitschek und Björn Höcke kundgetan und lediglich das strategische Vorgehen der Gruppe kritisiert. Der Lehrstuhlinhaber Peter Hoeres verteidigte ihn dennoch mit der Aussage, er hätte sich in dem Text für eine „positive Mitarbeit im demokratischen Staat“ eingesetzt. [4] Noch 2019 veröffentlichte Hasselhorn unter dem Pseudonym Dominique Riwal einen Text in einer Festschrift zum 60. Geburtstag des neurechten Historikers, Gründungsmitglieds des IfS und langjährigen Weggefährten von Kubitschek, Karlheinz Weißmann. In Texten von anderen Autor:innen des Sammelbandes – darunter Alice Weidel und der französische Rechtsextremist Alain de Benoist – wird u.a. Polen die Schuld am 2. Weltkrieg zugeschrieben. Auf S. 82-84 wird von einem sich abzeichnenden „deutsch-polnischen Konflikt“ geschrieben, der auf Grund des Versailler Vertrags vorhersehbar und vermeidbar gewesen wäre. Der NS-Imperialismus, der planvolle, einseitige und völkerrechtswidrige Überfall wird ausgeblendet, stattdessen erscheint es, als hätte das neu geschaffene Polen Deutschland in eine Zwangslage versetzt, die einen Krieg unvermeidbar machte. [5]
Hasselhorns akademische Sozialisierung in der neuen Rechten begann früh. Karlheinz Weißmann unterrichtete ihn bereits als Lehrer in der Schule. [6] Nur kurze Zeit später schrieb Hasselhorn bereits homophobe und rassistische Texte in der „Blauen Narzisse“, einem ebenfalls dem IfS nahestehenden Blatt. In der SZ hieß es dazu:
„Die Blaue Narzisse wird in der Forschung im neurechten Spektrum verortet. Die Artikel aus der Zeit von Hasselhorns Autorschaft sind mittlerweile gelöscht, doch das Internet vergisst bekanntlich nicht so schnell. In einem Text über die 68er-Generation beklagt sich Hasselhorn über die "politische Korrektheit" und die Konsequenzen, die es habe, wenn einer "Menschen mit schwarzer Hautfarbe ’Neger’ nennt. Oder offen sagt, daß er Homosexualität für etwas Abnormales hält. Oder schließlich: Wenn er etwas über den Nationalsozialismus äußert, was jenseits der üblichen festgelegten Floskeln liegt, ohne daß jeder Satz gleich in hundert Einschränkungen und Entschuldigungen eingewickelt ist." Einen anderen Text beschließt er mit dem Credo: "Wenn ein Christ Ernst macht mit seinem Christentum, dann muß er ein Rechter sein!"“ [7]
Einige Jahre später wurde Hasselhorns Dissertation „Politische Theologie Wihelms II.“ von der Titurel Stiftung mitfinanziert. [8] In der Arbeit findet sich eine Danksagung an die Stiftung, die als Eigentümerin des „Haus der Identitären“, einem Zentrum der völkisch-nationalistischen rechtsextremen „Identitären Bewegung“ bekannt ist. [9]
Gegenüber der Welt räumte der selbsterklärte Jordan Peterson-Fanboy (Facebook, 26. Juni 2019 – die evangelische Kirche solle sich an ihm ein Vorbild nehmen) dann zunächst ein, lediglich einen einzigen Text unter Pseudonym bei dem Rechtsextremisten Götz Kubitschek veröffentlicht zu haben und das auch nur auf Drängen von Karlheinz Weißmann. [10] Im lupenreinen Stil rechter Salamitaktik wurden daraus dann über Wochen die über 60 Artikel, von denen der Spiegel berichtete. Unter den dort genannten Pseudonymen wurden unter anderem auch einige Tagungsberichte von Götz Kubitscheks Kaderschmiede verfasst und ein homophober Artikel, dessen Autorenschaft Hasselhorn zwar bestreitet (logisch, da die öffentlichen Diskurse dafür noch nicht weit genug verschoben wurden), der aber zu den Inhalten passt, die er in jüngeren Jahren in der Blauen Narzisse verfasst hat. Der Beginn seiner akademischen Laufbahn könnte somit kaum enger mit dem bekanntesten rechtsextremen pseudoavantgardistischen Milieu Deutschlands verbunden sein.
Auch die Verteidigungsstrategie des Lehrstuhls, das IfS sei zum Zeitpunkt der Veröffentlichungen weniger radikal gewesen, ist an Lächerlichkeit nur schwer zu überbieten. Schließlich ließ sich Götz Kubitschek bereits 2011 von einem 3Sat Fernsehteam bei sich zuhause filmen, und zeigte sich dort völlig ungeniert an seinem Schreibtisch, der von einem Gartenzwerg „geschmückt“ wird, der den Hitlergruß zeigt. Zudem redet er in einem Interview des Beitrags davon, er befinde sich in einem „geistigen Bürgerkrieg um den Erhalt von Nation und Volk“. [11] Schon 2009 kommunizierte Hasselhorns akademischer Daddy Weißmann ganz deutlich, wie die programmatische Ausrichtung des IfS aussehe: „Für einen Elitenwechsel bedarf es einer heiklen Situation, in der ein Wechsel möglich ist. Wenn es da zu einer krisenhaften Zuspitzung kommt, dann zerbricht das bestehende Gefüge. Und das ist im Grunde genommen die einzige Möglichkeit, in der ich einen Elitenwechsel für realistisch halte. Für die Konservativen ist wichtig, daß man eine derartige Situation in den Blick nimmt, sich darauf vorbereitet.“ [12] Seinem ehemaligen Mentor zufolge wurde Hasselhorn also auf einen Tag X – auf den gesellschaftlichen Umsturz – akademisch vorbereitet und wendet sich nun zwar gegen einen solchen Umsturz in Form einer Revolution, arbeitet jedoch weiter auf eine entsprechende autoritäre Neuordnung der Gesellschaft hin. Benjamin Hasselhorn wurde in einem rechtsradikalen akademischen Milieu sozialisiert und schloss sich eindeutig deren politischer Zielsetzung an, wenn er auch das konkrete strategische Vorgehen ablehnte. Demzufolge lässt sich auch die sukzessive Abschwächung seiner Positionen, die in seinem Austritt aus der AfD und seinem Eintritt in die CSU gipfelten als rein strategische Schachzüge verstehen, um Götz Kubitscheks „geistigen Bürgerkrieg“ auf anderem Wege mit „metapolitischer Klugheit“ und „anknüpfendem Agieren“ fortzuführen.
Offensichtlich liegt eine gewisse Doppelmoral darin, an dieser Stelle Benni Hasselhorn dafür zu kritisieren, unter Pseudonymen Texte in Outlets zu veröffentlichen, die zumindest aus den jeweils eigenen politischen Lagern als „extremistisch“ gelabelt werden. Schließlich veröffentlichen auch wir diesen Text ohne Autor:innen zu nennen. Dazu sei an dieser Stelle aber Bennis tiefgründige Rechtfertigung für seine Heimlichtuerei zitiert: „Der Sinn eines Pseudonyms liegt darin, dass es nicht offenbart wird, und es besteht keine Pflicht, es offenzulegen.“ [13]
Nicholas Nedzynski
Der Lehrbeauftragte hat unter den Aliasen „Nick/Sussex“ und „Nick Nedzynski“ in den Bands Lady Morphia und Von Thronstahl Musik veröffentlicht – u.a. unter dem Label „Fasci-Nation Recordings“. [14] Dabei wirkte er unter anderem als Gitarrist am Album Sacrificare mit, das Musik mit gewaltverherrlichenden, antisemitischen, völkischen und Mussolini glorifizierenden Texten enthält. Auf dem Album der Band Von Thronstahl findet sich der Song „Palästina (Hep Version)“. Der Ausdruck „Hep Version“ kann als deutlicher Bezug auf die „Hep Hep“ Krawalle verstanden werden, eine Welle antisemitischer Ausschreitungen bzw. Pogrome im Jahr 1819, die ausgerechnet in Würzburg anfingen. Auf dem Booklet der CD ist auch der Spruch „Hierosolyma est perdita“ (Jerusalem ist verloren) abgedruckt, der mit dem antisemitischen Ursprung des Ausrufs „Hep Hep“ in Verbindung gebracht wird. Der knappe Text des Liedes, der während des Songs immer wieder wiederholt wird lautet: „Hep... hep... hep... Slay... slay... slay...“. Im Booklet des Albums ist das faschistische Symbol der schwarzen Sonne abgebildet und in dem Text des Songs „Occidental Identity“ wird der antisemitische Mythos vom „Großen Austausch“ verbreitet. [15] Passend dazu äußerte Nedzynksi in einem Interview seine Faszination für das den Holocaust leugnende Album „Rose Clouds of Holocaust“ der Neonaziband „Death in June“, das er zu seinen top fünf Alben aller Zeiten zählt. [16] Er sagt über die Band in dem Interview, das frei abrufbar im Internet zu finden ist: “I would say that DIJ [Death in June] have been far more than an influence. Rather, they are a vital inspiration“. Der Text des gleichnamigen Liedes auf dem Album lautet: “Rose clouds of Holocaust / Rose clouds of lies / Rose clouds of bitter / Bitter, bitter lies / And when the angels of ignorance / fall down from your eyes / Rose clouds of Holocaust / Rose clouds of lies / Rose clouds of twilight truth […]”. Es ist wohl keine allzu steile These zu fordern, dass jemand, für den eine Holocaust-leugnende Neonaziband eine „vital inspiration“ ist, keine Geschichtslehrkräfte ausbilden sollte.
Im Jahr 2002 hat Von Thronstahl in einem Gebäude der Münchener Uni, das von Hitler gebaut wurde, den 100. Geburtstag von der Regisseurin Leni Riefenstahl, die in der NS-Zeit Propaganda-Filme drehte, gefeiert. [17] Auf der Feier ist u.a. Lady Morphia, die Band von Nedzynski und seinem Bruder, aufgetreten. Die Veranstaltung sorgte für einen Skandal in der Presse. Lady Morphia wird in dem selbst verfassten Artikel auf der Website von Von Thronstahl wie folgt beschrieben:
„Den musikalischen Rahmen eröffneten LADY MORPHIA aus England spontan und nur in Zweierbesetzung. Ihr EUROPÄISCHER NEO-FOLK ließ uns, aus dem "FÜHRERBAU" hinaus, auch gleich eine freundschaftliche Brücke ins Königinnen-Reich England schlagen. Sehr angenehme Grenzgänger und sehr willkommene Akteure.“
Schon das Design der Website äußert eine klare rechtsextreme Bewunderung für Leni Riefenstahl durch den deutlichen Bezug auf NS-Symbolismus in Form der zwei Blitze und der Farbgebung. In dem Text heißt es außerdem:
„Bevor VON THRONSTAHL mit mir in Stellung ging, bat ich die Techniker, mir noch etwas aufbauendes Liedgut zu geben – Lieder, die in den Rahmen passten und mir Freude bereiteten: ’Schöner Gigolo, armer Gigolo’, ’Jawohl, meine Herren’, und zur totalen Anheizung meines faschistoiden Temperaments eine italienische Ode an den DUCE ’Giovani Facisti’ und ’LA LUPTA MUNCITO-RI’ der rumänischen EISERNEN GARDE. Ich möchte mal schwer davon ausgehen, daß nach 47-jähriger Abstinenz meine SS-Stiefel als erste wieder die klassizistische Bausubstanz betraten“.
Das Album „Recital to Renewals” von Lady Morphia enthält die Stimme von Leni Riefenstahl, die in die Musik hineingeschnitten wurde. Es ist dem ultranationalistischen Demokratiefeind Ernst Jünger gewidmet und verarbeitet dessen Werk musikalisch. [18]
Oswald Spengler – an dessen Grab Nedzynski in einem Musikvideo posiert [19] – und Ernst Jünger gelten als führende Denker und Inspirationen des rechtsradikalen Theoriekonstrukts der sog. „Konservativen Revolution“, zu der Nedzynski in Würzburg bereits Seminare geben durfte. Die „Konservative Revolution“ ist einer der theoretischen Kernbestandteile der Neuen Rechten um Götz Kubitschek, Karlheinz Weißmann und Björn Höcke. [20] Dass Nedzynski dieses antiliberale und antidemokratische Denken musikalisch glorifizierte und nun Jahre später ohne erkennbaren Prozess der Distanzierung oder Selbstreflektion über diese Denkströmungen in der Hochschullehre und bei der Ausbildung angehender Geschichtslehrkräfte aktiv ist, ist eine potenzielle Gefahr für alle Schülerinnen und Schüler, die später von diesen Lehrkräften unterrichtet werden. Obwohl Antisemitismus in der „Konservativen Revolution“ weit verbreitet war, findet sich in einem Skript von Nedzynskis Seminar, das während der Corona-Zeit komplett die Lehre ersetzte, auf insgesamt 172 Seiten nicht einmal der Begriff „Antisemitismus“. Zudem wird hier – um nur ein Beispiel zu nennen – in einem tabellarischen Überblick über Akteure der „Konservativen Revolution“ (KR) die völkisch-antisemitische und terroristische Schleswig-Holsteiner Landvolkbewegung wie folgt beschrieben: „Protestbewegung der schleswig-holsteinischen Bauern. Weniger theoretisch orientiert, dafür aktivistisch ausgerichtet. Mangels eigener Theoretiker eher als eine Bewegung anzusehen, der die gesamte KR wohlwollend gegenübersteht?“. Aus Kreisen der Geschichtsstudis wissen wir, dass das Skript der Unileitung schon vor Monaten vorlag und sie auch über Nedzynskis Musikvergangenheit informiert war. Dennoch darf Nedzynski dieses Semester wieder angehende Geschichtslehrkräfte unterrichten. So viel als Vorgeschmack zu der völlig entleerten pseudomoralischen Worthülse, die die Uni Würzburg „Wissenschaft – Freiheit und Verantwortung“ nennt. Mehr dazu weiter unten.
Peter Hoeres
Als Peter Hoeres, der Lehrstuhlinhaber für Neueste Geschichte, vor einigen Jahren seine Antrittsvorlesung in Würzburg hielt, verkündete er stolz, seinen eigenen Sohn nach Carl Schmitt, dem „Kronjuristen Hitlers“ benannt zu haben. [21] Seine Begeisterung für den glühenden Antisemiten Schmitt tritt auch auf Hoeres X Account offen zu Tage, den er immer wieder für dessen Verharmlosung nutzt. Dieser stark antidemokratische Einschlag springt einem bei ihm zwar weniger offensiv ins Gesicht als bei den Rechtsradikalen Hasselhorn und Nedzynski, wird aber daraus ersichtlich, dass Hoeres ebenfalls rechtsradikal in der katholischen Pius-Gemeinde „Actio Spes Unica“ sozialisiert wurde und nun an seinem Lehrstuhl scheinbar die Netzwerke von dort wieder aufleben lässt.
Hoeres hat unter anderem im Magazin „Tumult“ veröffentlicht, dessen Herausgeber das Vorwort zu dem Buch von Björn Höcke verfasst hat. [22] In seinem neuesten Buch vertritt Hoeres die These, der Nationalsozialismus wäre politisch „nicht auf der Rechten einzuordnen“. [23] Der „Kampf gegen Rechts“ habe, so Hoeres in seinem Buch, dazu geführt, dass Menschen, die sich politisch rechts verorten, „jegliche Menschenrechte zumindest implizit abgesprochen“ werden. [24] Der Text wird heftig kritisiert, etwa für „selektive Quellenarbeit“ und dafür, dass er „nicht einmal anerkennt, dass von [der AfD] auch nur der Hauch einer Gefahr ausgehen könnte“. [25] Des Weiteren verfasste er für die Milliarden-Erbin Heidi Horten ein Gutachten, dass sich mit der NS-Vergangenheit ihres verstorbenen Ehemanns, der von Arisierungen profitierte, befasst hat, um danach eine Versteigerung der geerbten Diamanten zu ermöglichen. Auf Grund des relativierenden Tonfalls wurde es als „Persilschein“ kritisiert. [26] Hoeres pflegt mittlerweile gute Kontakte zur „illiberalen Demokratie“ nach Ungarn. Auf einem Panel des Mathias Corvinus Collegium (MCC), der Kaderschmiede von Victor Orbán, nickte er auffallend zustimmend, als der Redner neben ihm forderte, Holocaustleugnung solle doch von der Meinungsfreiheit geschützt werden. [27] Es ist beachtlich, wie eng Menschen mit radikalen Netzwerken und Positionen verbunden sind, die wie Hoeres, den Versuch betreiben, „Rechts“ als politische Position zu normalisieren und zu naturalisieren.
Peter Hoeres’ Vater, Walter Hoeres, war bis zu seinem Tod aktives Mitglied der katholischen Pius-Gemeinde Actio Spes Unica. Dort feierte auch Götz Kubitschek seine Hochzeit und schickte seine Kinder zur Erstkommunion. [28] Auch die Band „Von Thronstahl“ war eng mit der Gemeinde verbunden und baute u.a. Ausschnitte aus Predigten von Hans Milch, dem stark nach Goebbels klingenden Gemeindepriester, in ihre Musik ein. [29] Auf der Website der Gemeinde finden sich bis heute Reden des britischen Holocaustleugners Richard Williamson mit völkisch-esoterisch anmutenden Titeln wie „Entstellung der Menschlichen Natur“ oder „Zum Fest des kostbaren Blutes“. [30] Eigentlich müsste man es für bemitleidenswert halten, wenn jemand wie der kleine Peter aufwächst und jeden Tag 30 Minuten um Vergebung für die Sünden der Moderne beten muss, wie es in der Gemeinde Pflicht ist. [31] Jedoch ist dies in seinem Fall offensichtlich in stramme Ideologie übergegangen. Letztlich ist es eindeutig, dass Peter an seinem Lehrstuhl die alten Kontakte von Actio Spes Unica wiederbelebt hat und mit einem ehemaligen Stammautoren Götz Kubitscheks sowie mit einem bekennenden Neofaschisten die Ausbildung von Geschichtslehrkräften im Sinne einer menschenfeindlichen Agenda unterwandert.
Henning Saßenrath
Henning Saßenrath, Doktorand am Lehrstuhl, ist ebenfalls Visiting Fellow am ungarischen Mathias Corvinus Collegium. Dort moderierte das Mitglied der katholischen Verbindung Gothia Würzburg, diesen Sommer einen Paneltalk mit der CDU-Politikerin Saskia Ludwig, bei dem Saßenrath sie zu einer möglichen Zusammenarbeit mit der AfD befragte. [32]
Hubertus Knabe
Als ehemaliger Leiter der DDR-Gedenkstätte Hohenschönhausen hat Hubertus Knabe nach seiner Entlassung wegen Vernachlässigung seiner Fürsorgepflicht in Fällen sexueller Belästigung von Peter Hoeres Obdach in Würzburg erhalten. [33] Dort ist er zwar als wissenschaftlicher Mitarbeiter angestellt, hat aber keinen Lehrauftrag. Neben einem Hang zum Machtmissbrauch passen auch die inhaltlichen Ausrichtungen von Hubertus Knabe gut in das Bild, das sich am Lehrstuhl abzeichnet. So diagnostizierte etwa Jens Gieseke, Mitglied des Beirates der Gedenkstätte Hohenschönhausen und Historiker am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam zur Zeit von Knabes Vorsitz „eine wachsende Nähe der Gedenkstätte Hohenschönhausen zur AfD und ihrem Rechtspopulismus“. [34] Zuvor ist auch Knabe selbst dadurch aufgefallen, dass er etwa Hans Globke – den ehemaligenengen Vertrauten und Staatssekretär von Adenauer, der am juristischen Kommentar der „Nürnberger Rassengesetze“ beteiligt war – als „entschiedenen Gegner des Nationalsozialismus“ bezeichnet hat, ohne Belege für diese absurde Behauptung anzuführen. Zudem ist er bekannt für seine Versuche, DDR-Opfer mit NS-Opfern gleichsetzen zu wollen, was überhaupt nur denkbar ist, wenn man die Kriegsverbrechen und den Holocaust aktiv ausblendet. [35] In dieselbe Kerbe schlägt er auch in seinem privaten Blog, in dem er in einem Artikel, der den Prozess gegen Björn Höcke wegen der Verwendung einer verbotenen NS-Parole als „Wahlkampf per Gericht“ bezeichnet, schreibt:
„Wer im Zorn zu einem Polizisten ironisch ‚Heil Hitler‘ sagt, muss sich laut Rechtsprechung ebenfalls auf ein Strafverfahren gefasst machen. […] Paradoxerweise – und das wird gerade im Osten Deutschlands aufmerksam registriert – gilt bei den kommunistischen Symbolen das Gegenteil: Der Umgang damit ist im Laufe der Jahrzehnte immer großzügiger geworden.“ [36]
Diese absurd anmutende Gleichsetzung passt in das aktiv betriebene geschichts- und erinnerungspolitische Programm, das offensichtlich am Lehrstuhl betrieben wird.
Der Fall Lothar Bossle und die Würzburger „Wissenschaftsfreiheit“
Bereits in den 90er Jahren war die Uni Würzburg dafür bekannt, dass dort Akademiker aktive Rollen in rechtsextremen Netzwerken einnehmen. Der damalige Soziologie Professor Lothar Bossle war als Autor an der Verfassung der Pinochet-Diktatur in Chile beteiligt und pflegte Kontakte zur berüchtigten Sekte und Folterkolonie Colonia Dignidad. Zudem verschaffte Bossle mehrfach ehemaligen Mitgliedern der griechischen Militärdiktatur Gastdozentenaufträge in Würzburg. [37] Aus diesem Fall scheint die Uni jedoch keinerlei Konsequenzen gezogen zu haben. Nicht einmal, wenn es um den gesellschaftlich hochsensiblen Bereich der Ausbildung von Geschichtslehrkräften geht, wo das akademische Handeln auf kürzestem Wege größtmöglichen Einfluss nehmen kann. Man schmückt sich in der ehemaligen Hochburg der Hexenverbrennung (die Uni ist übrigens nach einem der aktivsten „Hexenverfolger“/Frauenmörder und Antisemiten Julius Echter benannt) dennoch mit einem Kodex „Wissenschaft – Freiheit und Verantwortung“, dessen Titel für sich in Anbetracht der Inhalte dieses Artikels schon komplett absurd erscheint. Hier ein paar Ausschnitte aus dem Kodex:
„Selbst dann, wenn sich Methoden und Schlussfolgerungen im Lichte späterer Erkenntnisse als fehlerhaft erweisen sollten, bleibt das ursprüngliche Vorgehen von der Wissenschaftsfreiheit gedeckt, solange die Mindeststandards der Disziplin eingehalten wurden. Davon zu unterscheiden ist eine systematische Fehlinterpretation oder Selektion von Ergebnissen in der Absicht, ein vorgefasstes Resultat zu erhalten. Dies gilt auch dann, wenn das Vorgehen moralisch, politisch, weltanschaulich oder religiös begründet wird.“ (S. 4)
„Verantwortlichkeit geht über rechtliche Zulässigkeit des wissenschaftlichen Handelns hinaus und zielt auf kritische Reflexion seiner ethischen Vertretbarkeit.“ (S. 5)
„Eine kritische Selbstverständigung über die ethische Vertretbarkeit des wissenschaftlichen Tuns ist vor allem dort nötig, wo dieses zu politisch oder gesellschaftlich tiefgreifenden Veränderungen und Konsequenzen führen kann. Wissenschaftliche Verantwortung geht dabei über die bloße Beachtung rechtlicher Grenzen hinaus und zielt auf eine umfassende Bewertung insbesondere der problematisch oder negativ erscheinen-den Aspekte der wissenschaftlichen Institution und Personen zuschreibbaren Handelns bzw. Unterlassens.“ (S. 5)
Der Kodex dient der JMU Würzburg ganz offensichtlich lediglich zur eigenen moralischen Erhöhung, ohne jegliche Formen institutioneller und struktureller Absicherungsmechanismen mit sich zu bringen. Als völlig entleerte Worthülse fügt er sich hervorragend in die Exzellenzstrategie der Uni ein, die einen auf dem Campus an jeder Ecke aggressiv anschreit. Dennoch kann die Ausbildung von Lehrkräften in Neuester Geschichte an der Uni Würzburg mit ihrer offen angekündigten Diskursverschiebung, ihrer nachweislichen immanenten Einseitigkeit und ihrem offen rechtsradikalen Personal als ein wichtiger Akteur des Vorfeldes der AfD und insbesondere der gesichert extremistischen Kreise der Partei betrachtet werden. In Anbetracht des Falls Lothar Bossle lässt sich der JMU Würzburg eine enorme institutionelle demokratieschädliche Schwäche attestieren. Die JMU fördert durch ihr aktives Ignorieren der ach so stolzen selbstverschriebenen akademischen Leitlinien das „anknüpfende Agieren“ und die „metapolitische Klugheit“ der extremen Rechten und bietet einen dankbar angenommenen Nährboden für die menschenfeindliche Wissenschaft und Lehre des von Götz Kubitschek ausgerufenen „geistigen Bürgerkrieg um den Erhalt von Nation und Volk“. Im Leitbild der Uni Würzburg heißt es zur Ausbildung von Lehrkräften: „Wir messen diesen Studiengängen besondere gesellschaftliche Bedeutung bei und bilden unsere angehenden Lehrer und Lehrerinnen auf höchstem Niveau nach neuesten wissenschaftlichen Kenntnissen aus.“ Weiter weg könnte man in der Realität von diesen Werten offensichtlich kaum sein.
